Die große Brückentagsschlacht ist geschlagen
Eine Glosse von Micha Haudrauf
Endlich. Es ist vorbei. Der Kalender zeigt auf Sommer, und zum ersten Mal seit Monaten kann der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer wieder frei atmen. Nicht etwa, weil er erholt wäre – nein, davon kann keine Rede sein. Aber weil der brutale Nahkampf um Brückentage, Feiertage und lange Wochenenden fürs Erste ein Ende hat.
Die Odyssee begann harmlos
Es fing so unschuldig an, irgendwann im Februar. Da saß man nichtsahnend am Schreibtisch, scrollte durch den Outlook-Kalender und sah es: Ostern. Dann die Feiertage: 1.Mai, Muttertag, Christi Himmelfahrt, Pfingsten…
Mit einem cleveren Urlaubsantrag wird daraus eine epochale Auszeit, sonst höchstens Lehrern und Bundestagsabgeordneten vorbehalten. Die Augen begannen zu glänzen. Das Herz schlug schneller. Das wird mein Jahr.
Was man nicht ahnte: Dieselbe Erkenntnis traf in exakt diesem Moment auch Müller aus der Buchhaltung, Schmidt vom Vertrieb und die komplette Marketingabteilung.
Der Krieg um die Slots
Was folgte, glich weniger einem geordneten Urlaubsplanungsprozess als vielmehr den Schlussszenen aus Die Tribute von Panem. Wer zuerst beim Chef war, gewann. Also stellte man den Wecker auf 5:47 Uhr, lauerte vor der Bürotür, näherte sich mit der geschmeidigen Eleganz eines Raubtieres dem Vorzimmer und platzierte den Urlaubsantrag, bevor Müller überhaupt seinen Kaffee aufgesetzt hatte.
Doch Müller ist kein Anfänger. Müller ist ein kaltblütiger Taktiker, der wahrscheinlich nachts mit dem Clausewitz-Handbuch unter dem Kissen schläft. Müller hat seine Frau vorgeschickt, die „zufällig“ mit der Chefsekretärin im selben Pilates-Kurs ist. Müller hat beim Sommerfest 2024 ein Geheimnis über den Abteilungsleiter erfahren. Müller bekommt Christi Himmelfahrt.
Man selbst? Bekommt den Dienstag nach Pfingsten. Immerhin.
Die sozialen Verpflichtungen
Kaum hatte man ein langes Wochenende ergattert, begann der nächste Kampf: die Verteidigung der freien Tage gegen die eigene Verwandtschaft.
„Du hast doch frei zu Fronleichnam? Perfekt, dann kommen wir zu Besuch!“ Die Schwiegereltern. Mit Kuchen. Und Erwartungen.
Der Kegelverein verlegte sein Jahrestreffen auf den Brückentag nach Vatertag. Der Sportverein plante das Grillfest auf exakt den Zeitraum, den man für das entspannte Ausschlafen reserviert hatte. Und das lokale Stadtfest lockte mit lauwarmem Bier und einer Coverband, die man schon vor zehn Jahren nicht mehr hören konnte.
Plötzlich war der Terminkalender voller als an jedem regulären Arbeitstag. Nur ohne pünktlichen Feierabend.
Die Erschöpfung der Erholung
Das Ergebnis nach zehn Wochen Feiertags-Marathon: Man ist müder als vor Ostern. Der Körper hat mehr Grillgut konsumiert, als die Krankenkasse tolerieren würde. Die Beziehung zum Kollegen Müller ist nachhaltig beschädigt. Und die Erinnerung an all die „freien“ Tage verschwimmt zu einem einzigen, erschöpften Nebel aus Familienbesuchen, Ausflügen bei garantiertem Stau und dem verzweifelten Versuch, die Ruhe zu finden, die man sich erhofft hatte.
Das Licht am Ende des Tunnels
Aber jetzt – jetzt – darf man aufatmen. Denn die Sommerferien stehen vor der Tür. Sechs Wochen am Stück. Keine Brückentagstaktik, keine Gefechte mit der Personalabteilung, kein „Wer opfert sich für den Freitag nach Fronleichnam?“
Einfach nur: Urlaub.
Natürlich wird auch dieser Urlaub in einem Organisationschaos enden, das den Feiertags-Wahnsinn locker in den Schatten stellt. Aber das ist ein Problem für den Juli.
Fürs Erste lehnt man sich zurück, schließt den Outlook-Kalender – und genießt den Moment, in dem zum ersten Mal seit Monaten kein Brückentag am Horizont lauert.
Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo und den Rest der Welt mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern!


