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NachrichtenReportagen

Eine Bestandsaufnahme: Der Lemgoer Stadtwald nach einem weiteren Dürre-Sommer

Ein Blick in die Zukunft unseres Waldes - von Dennis Liebing

Auch dieser Sommer hat dem Lemgoer Stadtwald wieder schwer zu schaffen gemacht. Viele Lemgoerinnen und Lemgoer werden sich beim Blick Richtung „Lemgoer Mark“ vermutlich mittlerweile die Frage stellen, ob unser Wald überhaupt noch zu retten ist. Dies ist nur eine der Fragen, die wir Forstchef Alexander von Leffern bei einem Rundgang durch den besonders von der Dürre betroffenen Teil des Waldes, dem Fichtenwald, gestellt haben.

Herr Alexander von Leffern, zuständig für den Stadtwald in Lemgo stellte sich unseren Fragen. Foto: Privat

Ursachenforschung – Warum ist der Blick Richtung Lemgoer Wald so bedauernswert?

Denkt man an die Gründe für das Absterben des Fichtenbestandes im Lemgoer Wald, mag manch einem der Gedanke kommen, dass der Borkenkäfer die Ursache des Problems ist. Der Borkenkäfer ist allerdings, wie Alexander von Leffern berichtet, nur ein Teil oder vielmehr eine Folge der eigentlichen Problematik, dem menschengemachten Klimawandel. Im Lemgoer Wald kann man, wie von Leffern erläutert, bereits seit Beginn der 2000er Jahre erste klimabedingte Veränderungen bzw. Anzeichen erkennen, dass der Wald „gestresst“ ist. In Wahrheit jedoch liegt der Ursprung des heute zu beobachtenden Übels allerdings schon viele Jahrzehnte zurück. Nach dem 2. Weltkrieg setzte man auf die Fichte als sogenannten „Brotbaum“, der aufgrund seines schnellen Wachstums einen schnellen Ertrag an Holz bringen sollte. Die Fichten wurden in plantagenartigen Monokulturen gezüchtet, die man heute beim Blick auf den Wald schon aus der Ferne als vertrocknetes Holzgerippe erkennt.

Mittlerweile ist die Fichte vom einstigen „Brotbaum“ zum Sorgenkind verkommen. Die Fichte ist ein flachwurzelnder Baum, der keine Kraft hat, den Widrigkeiten zu trotzen. Der oberflächennahe Teil des Bodens, in dem sich die Wurzeln der Fichte befinden, ist in den Dürresommern der letzten Jahre schlichtweg viel zu trocken gewesen. Somit ist seit den Jahren 2017 und 2018 ein Großteil des Fichtenbestandes vertrocknet und abgestorben. Auch der Orkan „Friederike“ hat einen Anteil, daran, dass der Lemgoer Wald stellenweise trostlos und bedauernswert erscheint. Die Größe der Fichtenfläche im Lemgoer Wald liegt in etwa bei 345 Hektar. Somit kann man sagen, dass fast ein Drittel des Lemgoer Waldes schwer von der Trockenheit und sonstigen Wetterkapriolen getroffen wurde und enormen Schaden genommen hat.

Die Trockenheit bietet wiederum ideale Bedingungen für die Einnistung des Borkenkäfers in den Baumrinden der Fichten. Fehlt den Bäumen Wasser, können sie kein Harz produzieren, welches die Bäume benötigen, um das Eindringen der Borkenkäfer in die Rinde der Bäume zu verhindern. Die Borkenkäfer, welche also nur eine Folge des eigentlichen Problems, der Trockenheit, sind, stören durch Larvengänge den Versorgungskreislauf des Baumes, sodass die Versorgung mit Nährstoffen und Wasser endgültig nicht mehr gegeben ist. Wie schlimm der Befall durch die Borkenkäfer ist, zeigt sich an der Tatsache, dass sich in 10cm2 Baumrinde bis zu 1.200 Borkenkäfer befinden. Dass sich die Ausbreitung des Borkenkäfers, wenn er sich erst einmal in den Bäumen eingenistet hat, auch nicht aufzuhalten ist, liegt auch daran, dass er sich in einem Jahr bis zu viermal fortpflanzt.

Aufgrund des so starken Befalls ist es, wie Förster von Leffern des Weiteren berichtet, auch nicht möglich, die Borkenkäfer zu bekämpfen. Der Einsatz von Chemie kommt für den Förster nicht in Frage, da eine solche Vorgehensweise nicht mit der Philosophie und den Arbeitsweisen der Stadt Lemgo vereinbar sei. Lediglich Vögel, wie beispielsweise der Specht, könnten etwas Abhilfe im Kampf gegen den Borkenkäfer schaffen. Die Verpilzung des Käfers bei feuchter Witterung ist ebenfalls ein Gegenspieler.

Die Bedeutung des abgestorbenen Fichtenbestands für die Aufforstung

Während man unter dem ehemaligen Förster Meiercord zum Zwecke des Forstschutzes (bzw. Bekämpfung des Käfers) noch ganze Flächen von befallenen Fichten abgeholzt hat, ist man von dieser Vorgehensweise inzwischen abgerückt. Wie Meiercords Nachfolger Alexander von Leffern erläutert, haben die abgestorbenen Fichten nämlich noch einen Nutzen bei der Wiederbegrünung. Das Holzgerippe bietet dem Waldboden Schutz vor Sonne, indem es einen Schatten wirft und sorgt somit dafür, dass der Boden nicht so schnell austrocknet und fruchtbar bleibt. Durch diesen sogenannten „Wanderschatten“ bleibt ein gewisses Maß an Vegetation unterhalb der vertrockneten Fichten erhalten. Ohne diese Vegetation hätten Waldbrände es zudem einfacher, sich auszubreiten, da sie nur auf trockenen Boden und trockenes Holz treffen würden.

Somit ist es laut von Leffern von zentraler Bedeutung, nicht den ganzen Bestand der verlorenen Fichten abzuholzen. Nur ein geringer Teil von diesem wird heute noch entfernt und auf dem Holzmarkt angeboten. Dies liegt nicht nur daran, dass man die Erholung des Waldes nicht gefährden möchte, sondern auch daran, dass die Wirtschaftlichkeit des abgestorbenen Fichtenbestandes eher gering ist. Ein Teil des Holzes ist in einem Zustand, der es unmöglich macht, es zu verarbeiten. Gründe dafür sind vor allem Spannungsrisse im Holz, die durch die Trockenheit entstehen und das Holz für die Holzindustrie unbrauchbar machen.

Aus Fehlern lernen – Der Weg in die Zukunft unseres Waldes

Vor einigen Jahrzehnten war die Idee, Fichten anzupflanzen, eine gute, um mit ihnen zu wirtschaften. Heute erweist sich die Idee als Fehler, da die Fichte den klimatischen Bedingungen nicht mehr gewachsen ist.

Im Hinblick auf die Zukunft des Waldes ist es wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und nicht weiterhin auf Monokulturen und ganze Plantagen einer einzigen Baumart zu setzen, die mit dem Standort und den zukünftig herrschenden Klimabedingungen nicht zurechtkommen. Von Leffern spricht in diesem Zusammengang von einem Dauerwald als idealer Lösung. Unter einem Dauerwald versteht man das Streben nach einem Mischwald, welcher aus vielen verschiedenen Baumarten in unterschiedlichsten Altersstrukturen besteht. So will man ein dauerhaftes Bestehen des Waldes gewährleisten.

Von den 345 Hektar des Lemgoer Fichtenwaldes, die von der Dürre zerstört wurden, sind ca. 95 Hektar (ca. 90 Fußballfelder) in einem solch starken Ausmaß betroffen, dass kaum noch eine Vegetation vorhanden ist. Dies liegt auch daran, dass es schwierig ist, auf diesen Flächen aufgrund des sauren und dunklen Milieu im und auf dem Boden ein Waldökosystem zu entwickeln. Auf den restlichen ca. 250 Hektar des Fichtenwaldes ist noch eine Vegetation vorhanden, sodass sich der gewünschte Mischwald bereits von alleine bildet. So wachsen beispielsweise Birken, Buchen, Lärchen, Holunder, Haselnuss oder Fruchtsträucher wie Brombeeren unter dem abgestorbenen Baumgerippe. Somit kann man sagen, dass die Natur den Wald zu einem gewissen Teil von alleine wieder aufforstet und sich der Wald auf diese Art und Weise mit der Zeit selbst erholt. Zudem macht von Leffern auch deutlich, dass bei den betroffenen 345 Hektar Fichtenwald nicht zwingend von vollständigen Kahlflächen zu sprechen ist, sondern, dass durchaus ein gewisser, wenn auch kleiner, Anteil an jungen Fichten noch vorhanden ist.

So könnte es in Zukunft aussehen – Mischwald, der von der Natur zwischen den abgestorbenen Fichten gebildet wird. Foto: Liebing

In Teilen des Waldes, in denen die Natur es nicht von alleine schafft, den Wald wieder zu begrünen und dies auch mittelfristig nicht zu erwarten ist, hilft die Forstverwaltung nach und pflanzt beispielweise Eichen, welche sich eher schlecht von alleine ansamen. Eichen sind vergleichsweise wärmeliebend und daher für die Aufforstung geeignet. Optionen für die Aufforstung können aber auch die Zeder, die Douglasie oder auch die Weißtanne sein.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Wahl der Baumart vom Standort und der Klimaentwicklung abhängig ist. Bei der Wahl der passenden Baumart geht man von zehn Prozent weniger Feuchtigkeit und einer um drei Grad höheren mittleren Jahrestemperatur aus. Die primäre Vorgehensweise bei der Wiederbegrünung unseres Waldes lässt sich also als eine von der Natur gesteuerte Wiederaufforstung bezeichnen, die von der Forstverwaltung, wenn nötig, punktuell unterstützt wird. Eine komplette, von der Stadt Lemgo gesteuerte, Wiederaufforstung, so von Leffern, ist finanziell und bezüglich des Aufwands auch nur sehr schwer zu gestalten.

Auch wenn man beim ersten Blick auf den Lemgoer Wald vermutlich anderes denkt, ist der Wald laut Alexander von Leffern dennoch strukturell gut aufgestellt, da im Großteil des abgestorbenen Fichtenwaldes immer noch eine Vegetation vorhanden ist und dort diverse Arten von Bäumen in unterschiedlichen Altersstufen vorhanden sind, oder dabei sind zu wachsen. Von Leffern betont ermutigend, dass der Wald im Zusammenspiel mit der Natur schnell und dynamisch auf Veränderungen reagieren kann. Dies erkennt man an der bereits erläuterten einsetzenden Wiederbegrünung unterhalb der abgestorbenen Fichten. Hoffnungslos ist die Situation daher definitiv nicht! Besonders das vergangene, vergleichsweise feuchte, Jahr hat dem Wald etwas geholfen, wenn auch der Wald in diesem Jahr wieder unter deutlich mehr Trockenheit gelitten hat.

Es bleibt zu hoffen, dass der Mischwald vom Absterben verschont bleibt. Im Allgemeinen reagieren alle Baumarten gestresst auf klimatische Veränderungen, mit denen sie nicht zurechtkommen. Über das Ausmaß entscheidet vor allem der Standort des Baumes. Die Buchen weisen teilweise bereits erste Schädigungen auf. Die Hoffnung ist aber, dass die Buche je nach Standort mit der Trockenheit einigermaßen gut zurechtkommt. Das Risiko, trockenheitsbedingten Schaden zu nehmen, ist für den Mischwald mit einer breiten Streuung an Baumarten auf jeden Fall geringer als für den Fichtenwald. Ganz ausschließen, dass der übrige Lemgoer Wald durch zukünftige Dürreperioden auch schweren Schaden nimmt, kann man nicht, betont von Leffern. „Man soll niemals nie sagen.“ Es bleibe zu hoffen, dass in der Zukunft starke Hitzesommer mit einer enormen Trockenheit, wie in den vergangenen Jahren, ausbleiben oder zumindest weniger stark ausfallen. Die zentrale Aufgabe für die Zukunft sei es, zu lernen, mit der Situation umzugehen und alles dafür zu tun, den Klimawandel zu stoppen oder zumindest abzuschwächen, um unseren Wald langfristig zu schützen und zu erhalten.

Text und Fotos © Dennis Liebing

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