Haltung, Reichweite und die Frage, wie es mit Mein-Lemgo weitergeht

Ein Kommentar in eigener Sache von Michael Pitt
In den vergangenen Wochen denke ich häufiger darüber nach, wie es mit Mein-Lemgo in den kommenden Jahren weitergehen soll. Eigentlich stehen die Zeichen auf Ausbau: Die Seite könnte einen Relaunch gebrauchen, einige Dinge würde ich gerne professioneller aufstellen und an der einen oder anderen Stelle wäre zusätzliche Unterstützung inzwischen mehr als willkommen.
Das alles kostet allerdings Geld. Und deshalb muss ich eine ziemlich nüchterne Entscheidung treffen: Investiere ich noch einmal Zeit und Geld, baue das Portal weiter aus und hole mir zusätzliche Unterstützung? Oder mache ich im bisherigen Rahmen weiter und reduziere vielleicht sogar an einigen Stellen den Aufwand, damit sich das Ganze dauerhaft wirtschaftlich vernünftig darstellen lässt?
Über diese Frage habe ich vor etwa vier Wochen schon einmal geschrieben. Der Beitrag wurde erstaunlich häufig gelesen. Die Resonanz darauf war groß und die Zustimmung ebenso. Was allerdings ausblieb, waren neue Werbekunden. Das gehört zur Realität und ist ein Grund, warum ich mich heute noch einmal mit dem Thema beschäftige.
Die Entscheidung fällt mir nicht ganz leicht. Denn ausgerechnet in einer Zeit, in der die Wertschätzung für meine Arbeit spürbar wächst, wird die wirtschaftliche Seite schwieriger. Und so lande ich zwangsläufig bei einer Frage, über die ich in letzter Zeit häufiger nachdenke: Was ist uns guter lokaler Journalismus eigentlich wert – und welche Rolle spielt dabei auch die Entscheidung, wohin Unternehmen ihr Werbebudget geben?
„Haltung ist eine schöne Sache. Besonders dann, wenn sie nichts kostet.“
Interessant wird es dort, wo man für seine Haltung tatsächlich eine Entscheidung treffen muss. Zum Beispiel bei der Frage, wem man sein Werbebudget gibt. Denn ich betreibe Mein-Lemgo nicht als Hobby. Das Portal muss sich wirtschaftlich tragen.
Dabei gibt es einen merkwürdigen Widerspruch: Noch nie hatte ich so sehr das Gefühl, dass meine Arbeit geschätzt wird wie derzeit. Die Zugriffszahlen steigen, immer mehr Menschen folgen Mein-Lemgo, ich bekomme viel Zuspruch und seit einiger Zeit auch häufiger ganz persönliche finanzielle Unterstützung von Leserinnen und Lesern. Menschen geben mir fünf oder zehn oder mehr Euro, einfach weil ihnen meine Arbeit etwas wert ist. Das berührt mich tatsächlich.
Auf der anderen Seite wird es wirtschaftlich schwieriger. Gerade kleine Geschäfte und Unternehmen müssen auf jeden Euro schauen. Das verstehe ich. Wer selbst rechnen muss, kann anderen schlecht vorwerfen, dass sie ebenfalls rechnen.
An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich bei allen Unternehmen bedanken, die Mein-Lemgo in den vergangenen Jahren mit ihrer Werbung unterstützt haben und es bis heute tun. Ohne euch wäre dieses Portal in seiner heutigen Form nicht möglich. Und auch für unsere Leserinnen und Leser ist das wichtig: diese Werbeaufträge ermöglichen es, dass sie hier Tag für Tag Nachrichten und Informationen aus Lemgo kostenlos lesen können. Das ist keineswegs selbstverständlich, und dafür bin ich wirklich dankbar.
Und ich beobachte etwas, das mich nachdenklich macht.
Für mich macht es einen Unterschied, welches Medium jemand mit seinem Geld unterstützt. Reichweite allein ist noch kein Journalismus. Ein Video wird nicht dadurch relevant, dass jemand mit dramatischer Stimme hineinredet. Eine Petitesse wird nicht zur wichtigen Nachricht, nur weil man sie möglichst groß aufbläst. Und Lautstärke ersetzt weder Einordnung noch journalistisches Handwerk.
Zum seriösen Handwerk gehört auch der Teil, der deutlich weniger spektakulär ist. Beispielsweise drei Stunden im Ausschuss sitzen. Vorher zig Seiten Vorlagen lesen. Hinterher noch einmal nachfragen, Zusammenhänge erklären und einen Bericht schreiben.
Und das ist nur eines von vielen Beispielen. Es gibt Pressetermine, bei denen über Stunden Zahlen, Entwicklungen und Zusammenhänge präsentiert werden, die anschließend eingeordnet, überprüft und teilweise noch einmal nachrecherchiert werden müssen. Am Ende steht vielleicht ein Artikel, den jemand in drei Minuten gelesen hat.
Bei solchen Rats- und Ausschusssitzungen ist die Medienlandschaft in Lemgo übrigens erstaunlich übersichtlich. Meist sitzen dort die Kolleginnen und Kollegen der Lippischen Landes-Zeitung – und ich. Andere lokale Medien sucht man dort regelmäßig vergeblich.
Spannend wird es dann manchmal am nächsten Tag. Dann ist das Thema plötzlich auch anderswo interessant. Woher die Inspiration kommt, möchte ich natürlich nicht mutmaßen. Sagen wir einfach: Mein-Lemgo scheint gelegentlich eine recht anregende Lektüre zu sein.
Natürlich darf jeder Unternehmer selbst entscheiden, wo er wirbt. Und selbstverständlich spielt dabei Reichweite eine Rolle. Das ist nicht nur legitim, sondern der Sinn von Werbung. Aber Reichweite ist nicht gleich Reichweite. Entscheidend ist, wen ich damit erreiche. 100.000 Follower irgendwo auf dem Papier können für einen Lemgoer Einzelhändler weniger wert sein als ein Bruchteil davon, wenn dieser Bruchteil tatsächlich aus Lemgo und der näheren Umgebung kommt.
Und Werbung ist eben auch Finanzierung. Mit jedem Euro aus dem Werbebudget unterstützt ihr nicht nur eine bestimmte Reichweite, sondern auch das Medium dahinter und damit die Art, wie dieses Medium arbeitet.
Für lokale Unternehmen kommt noch etwas hinzu: Eine funktionierende lokale Öffentlichkeit liegt auch in ihrem Interesse. Wenn Menschen wissen, was in ihrer Stadt passiert, welche Geschäfte eröffnen, welche Veranstaltungen stattfinden, was Politik entscheidet und was Vereine, Initiativen und Unternehmen auf die Beine stellen, profitiert davon eine ganze Stadt. Wer in diesem Umfeld wirbt, erreicht deshalb nicht nur potenzielle Kunden. Er zeigt gleichzeitig, dass ihm diese lokale Öffentlichkeit etwas wert ist. Und ja, auch das kann Teil eines guten Unternehmensimages sein.
Deshalb gehört für mich zu einer bewussten Entscheidung über das eigene Werbebudget nicht nur die Frage nach der größten Zahl, sondern auch: Wen erreiche ich – und in welchem publizistischen Umfeld möchte ich mit meinem Unternehmen erscheinen?Vielleicht bin ich da altmodisch. Dann bin ich es gerne.
Ich versuche seit Jahren, Mein-Lemgo nach bestimmten Grundsätzen zu gestalten. Eine Geschäftseröffnung ist für mich keine Gelegenheit, einem Ladenbesitzer erst einmal eine Rechnung zu präsentieren. Ein Jubiläum wird nicht erst dann zur Nachricht, wenn jemand dafür bezahlt. Und ein Unternehmen bekommt bei mir keinen freundlicheren redaktionellen Bericht, weil es Anzeigenkunde ist. Das kostet mich möglicherweise Geld. Gerade momentan wäre mir zusätzliches Geld durchaus willkommen.
Aber Haltung, die man nur zeigt, solange sie nichts kostet, ist keine besonders beeindruckende Haltung.
Und damit bin ich wieder bei der Frage vom Anfang. In den kommenden Wochen muss ich entscheiden, welchen Weg Mein-Lemgo künftig nimmt: weiter investieren, die Seite neu aufstellen und die journalistische Arbeit mit zusätzlicher Unterstützung ausbauen – oder den Aufwand eher reduzieren und das Portal in einem Rahmen weiterführen, der sich auch wirtschaftlich dauerhaft tragen lässt.
Diese Entscheidung muss getroffen werden, damit ich mich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren kann: Nachrichten und Informationen für Lemgo. Denn das Rattenrennen auf Social Media um Aufmerksamkeit und Reichweite kostet zu viel Energie und entspricht nicht dem, wofür Mein-Lemgo stehen soll. Die nächsten Wochen werden zeigen, welcher Weg es wird. Und mit beiden Möglichkeiten kann ich gut leben.
Wie seht ihr das? Schreibt mir gerne, was ihr euch von Mein-Lemgo für die Zukunft wünscht – in den Kommentaren oder direkt per Nachricht.
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