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Sommer, Sonne, Nervenzusammenbruch. NRW macht Ferien. Gott steh uns bei.

Die Glosse von Micha Haudrauf

Es ist soweit. Die Schulglocke verstummt, die Zeugnisse sind verteilt, und 2,5 Millionen Familien stürzen sich gleichzeitig auf die A3 wie Lemminge mit Dachboxen. Willkommen im kollektiven Wahnsinn namens Sommerurlaub. Die Vorfreude war riesig. Wochenlang. »Schatz, stell dir vor: Meeresrauschen! Cocktails! Endlich mal NICHTS TUN!« Der Mann nickte. Die Frau nickte. Die Kinder hörten »Pommes« und waren dabei. Dann kam der Morgen der Abreise.

4:30 Uhr. Operation Flucht aus Lemgo. Der Wecker klingelt. Der Vater springt auf wie ein Navy Seal mit Bandscheibenvorfall. Heute wird der Stau besiegt! Um 4:47 Uhr steht das Auto in der Einfahrt, vollgepackt bis unters Dach. Drei Koffer, vier Taschen, ein Schwimmtier namens »Günther der Flamingo«, ein Kühlakku, der bereits tropft, und ein Kind, das partout seinen Gameboy nicht findet. 4:52 Uhr: »HAT JEMAND DEN HERD AUSGEMACHT?!« 5:03 Uhr: Zweite Rückkehr zum Haus. Diesmal wegen des Ladekabels. Und des Reisepasses. Und – Moment – »Wo ist eigentlich der Hund?!« Der Hund liegt im Flur und schaut vorwurfsvoll. Er muss zu Oma. Die Übergabe dauert 25 Minuten, weil Oma noch Tipps hat. Zur Autobahn. Zum Wetter. Zur Ehe.

6:14 Uhr. Die Autobahn. Die Kinder schlafen. Sieben Minuten Frieden. Dann: »PAPA, MIR IST SCHLECHT.« Die Stimme kommt von hinten. Sie klingt ernst. Die Mutter dreht sich um, sieht das grünliche Gesicht des Jüngsten und weiß: Es bleiben Sekunden. Der Vater reißt das Lenkrad rum. Standstreifen. Warnblinker. Das Kind kotzt zentimetergenau neben die offene Tür ins Gras. Die Älteren filmen. Für TikTok. Weiterfahrt. Kilometer 43: Stau. Natürlich. Der Verkehrsfunk meldet »stockender Verkehr auf 12 Kilometern, Ursache unbekannt«. Die Ursache ist bekannt: Es ist Juli, es ist NRW, und alle wollen ans Meer. Das Kind fragt: »Wann sind wir da?« Der Vater, mit zusammengebissenen Zähnen: »Bald.« – »Wie lange ist bald?« – »BALD IST BALD!« Schweigen.

Kilometer 89: Raststätte Hamm-Rhynern. Pinkelpause. Alle müssen. Auch der Vater, obwohl er nicht muss, aber: »Wer weiß, wann die nächste Möglichkeit kommt.« Eine Logik, die seit Generationen vererbt wird wie Erbkrankheiten oder das Silberbesteck. Dann: Essen. Ein Brötchen, belegt mit etwas, das theoretisch Käse sein könnte. Ein Kaffee, der nach verbrannten Träumen schmeckt. Zwei Kinderwürstchen, die aussehen wie mumifizierte Finger. Rechnung: 53,80 Euro. Der Vater starrt auf den Kassenzettel wie auf eine Morddrohung. Die Kinder wollen Eis. Und ein Stofftier aus dem Automaten. Und noch ein Eis, weil das erste auf den Boden gefallen ist. »NEIN!« Gebrüll. Tränen. Ein älteres Ehepaar im Wohnmobil nebenan schaut herüber und lächelt wissend. Sie haben das hinter sich. Sie fahren jetzt zu zweit. Ohne Kinder. Ohne Stress. Der Vater hasst sie ein bisschen.

Kilometer 347: Die Grenze naht. Die Stimmung bessert sich. Das Navi sagt: »In zwei Stunden erreichen Sie Ihr Ziel.« Die Kinder jubeln. Die Eltern atmen durch. Dann: VOLLSPERRUNG. Unfall auf der A7. Nichts geht mehr. Das Navi schlägt eine Umleitung vor. Über Landstraßen. Durch Dörfer, deren Namen klingen wie ausgedachte Krankheiten. Hinterpfaffenhofen. Obermooskuhl. Niederdumpfing. Drei Stunden später stehen sie vor einem Maisfeld und wissen: Das Navi hat aufgegeben. Der Vater brüllt das Lenkrad an. Die Mutter googelt »Scheidungsanwalt in der Nähe«. Zum Spaß. Vielleicht. Die Kinder streiten darüber, wer mehr Sitzfläche beansprucht. Günther der Flamingo ist irgendwo unter den Koffern begraben und langsam undicht.

21:47 Uhr. Ankunft. Die Ferienwohnung liegt im Dunkeln. Der Vermieter hat den Schlüssel unter einer Fußmatte deponiert, auf der »WELCOME« steht. Ironisch. Drinnen riecht es nach Chlor und leiser Verzweiflung. Das Doppelbett ist ein schlechter Witz. Der Balkon – mit »traumhaftem Meerblick« beworben – zeigt auf einen Parkplatz. Und einen Müllcontainer. Und, ganz hinten, wenn man den Kopf dreht: einen grauen Streifen, der Wasser sein könnte. Oder Asphalt. »Egal«, sagt der Vater. »Wir sind DA.« Er öffnet eine Flasche Wein. Sie ist warm. Er trinkt trotzdem.

Tag 1 bis 3: Die Euphorie. Der Strand! Das Meer! Die Sonne! Die Kinder rennen ins Wasser und brüllen vor Freude. Die Eltern liegen auf Handtüchern und tun zum ersten Mal seit Monaten: nichts. Herrlich. Die Herrlichkeit hält etwa vier Stunden. Dann wird das erste Kind von einer Qualle berührt, das zweite verliert die Taucherbrille, und der Vater merkt, dass er vergessen hat, die Schultern einzucremen. Abends sieht er aus wie ein Grillhähnchen mit Sonnenbrille. Aber: Die Stimmung ist gut! Man isst Eis! Man trinkt Aperol! Man macht Fotos fürs Internet, auf denen alle glücklich aussehen, obwohl das jüngste Kind gerade einen Wutanfall hat, weil die Pommes »komisch« schmecken.

Tag 4 bis 7: Die Eskalation. Es beginnt schleichend. »Warum muss ICH immer entscheiden, wo wir essen?« – »Weil DU nie einen Vorschlag machst!« – »Ich habe GESTERN einen Vorschlag gemacht!« – »Das Fischrestaurant?! Das war keine Vorschlag, das war eine Drohung!« Die Kinder spüren die Spannungen und reagieren, wie Kinder reagieren: Sie werden unerträglich. Sie wollen in den Freizeitpark. SOFORT. Der Freizeitpark kostet 214 Euro Eintritt. Plus Parkgebühr. Plus das Mittagessen, das aus drei Chicken Nuggets besteht, die so klein sind, dass sie vermutlich von einem Eintagsküken stammen. Abends: Versöhnungsversuch. Die Eltern sitzen auf dem Parkplatz-Balkon und trinken Rosé. Warm, natürlich. Der Kühlschrank macht Geräusche, kühlt aber nicht. »Ist doch schön hier«, sagt einer. »Ja«, sagt der andere. Beide lügen.

Tag 8 bis 10: Der Verfall. Die Urlaubsbräune hat sich in Urlaubsmüdigkeit verwandelt. Niemand will mehr an den Strand. Der Sand klebt überall. In den Ohren. In der Sonnencreme. Im Frischkäse, obwohl niemand weiß, wie er dahin gekommen ist. Die Kinder hängen vor den Handys. Die Eltern hängen daneben. Man redet nicht mehr viel. Am letzten Abend gibt es Streit. Richtigen Streit. Wegen nichts. Wegen allem. Wegen der Frage, ob man morgen um 6 oder um 7 losfahren soll. »SECHS! Dann umfahren wir den Stau!« – »DEN STAU UMFAHREN WIR NIE! DAS SAGEN WIR SEIT ZWANZIG JAHREN!« Türenknallen. Schweigen. Günther der Flamingo liegt schlaff auf dem Balkon. Symbolisch.

Die Rückfahrt. 6:00 Uhr Abfahrt. 6:17 Uhr: Stau. Natürlich. Der Verkehrsfunk meldet 15 Kilometer stockenden Verkehr. Raststätte. Würstchen. Kaffee. 58,20 Euro. Der Vater sagt nichts mehr. Er hat aufgegeben. Sieben Stunden später: Heimat. Castrop-Rauxel. Der Hund bellt. Die Wäsche wartet. Der Kühlschrank ist leer. »Schön war’s«, sagt die Mutter. Alle schauen sie an. »Na gut«, korrigiert sie. »Nächstes Jahr wird’s besser.«

Nächstes Jahr wird gar nichts besser. Das wissen alle. Aber sie werden wieder fahren. Natürlich. Mit Dachbox und Günther dem Flamingo und drei Koffern zu viel. Weil das so ist. Weil man das so macht. Weil irgendwo tief in der deutschen Seele ein Gen schlummert, das flüstert: »Sommerurlaub. Du MUSST.« Und im Stau, zwischen Hamm-Rhynern und dem Kamener Kreuz, zwischen lauwarmen Würstchen und eiskalten Schweigeminuten, da spürt man sie dann: die Vorfreude auf nächstes Jahr.

Schöne Ferien, NRW. Wir sehen uns auf der A3. Günther grüßt.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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