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Nachrichten

Was wollt ihr eigentlich?

Ein Essay über Nachrichten, Reichweite und die Frage, welchen Lokaljournalismus wir morgen noch haben werden – von Michael Pitt

Manchmal sind Zahlen ehrlich. Und manchmal sind sie einfach nur gemein. Da sitzt man stundenlang an einem Thema, liest Vorlagen, telefoniert, recherchiert Hintergründe, verbringt einen Abend in einer Ratssitzung und versucht anschließend, aus dem ganzen Stoff einen Artikel zu bauen, den man versteht, ohne vorher Verwaltungsrecht studiert zu haben. Ergebnis: 200 Leser auf unserer Webseite. Dann kommt eine Polizeimeldung rein. Irgendein Mann randaliert irgendwo in Lemgo, die Polizei schickt fünf Sätze, ich schiebe drei Kommas zurecht, ergänze ein paar Informationen, fertig nach zehn Minuten. Ergebnis: 20.000 Leser. Und dann stellt man ein kurzes Video von einem Volkslauf ins Netz. Menschen laufen durchs Bild, andere winken, einige erkennen Bekannte. Nach zwölf Stunden: 15.000 Aufrufe und 400 Likes auf Social Media. Wer seinen Beruf rein nach Zahlen betreibt, müsste daraus eine ziemlich klare Konsequenz ziehen: Lass den komplizierten Kram. Polizei, Unfälle, Wetter, Veranstaltungen, ein paar Videos. Aus. Wäre auch noch deutlich weniger Arbeit.

Warum mache ich es dann nicht? Weil Reichweite und Bedeutung zwei verschiedene Dinge sind. Natürlich interessiert mich, wie viele Menschen einen Artikel lesen. Wer behauptet, einem Journalisten sei seine Reichweite völlig egal, ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Gastwirt, dem es angeblich nichts ausmacht, wenn niemand kommt. Aber Journalismus hat eben noch eine andere Aufgabe. Er soll Menschen die Informationen geben, die sie brauchen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das klingt nach Lehrbuch, und zwar nach dem aus dem ersten Semester, das man sich gebraucht bei eBay gekauft hat. Im Alltag bedeutet es etwas ziemlich Unspektakuläres: Jemand muss sich hinsetzen und nachschauen, was tatsächlich beschlossen werden soll. Jemand muss fragen, was es kostet. Jemand muss wissen, was vor einem Jahr dazu gesagt wurde. Jemand sollte nachhaken, wenn zwei Aussagen nicht zusammenpassen. Und ab und zu sollte auch jemand auf die Idee kommen, nicht nur denjenigen zu fragen, der gerade alles besonders großartig findet. Das dauert. Und es ist meistens erheblich weniger aufregend als ein Polizeieinsatz auf der Wallanlage.

Vielleicht steckt genau darin ein Missverständnis über Nachrichten. Ein guter journalistischer Beitrag muss nicht 20.000 Menschen überzeugen. Er muss überhaupt niemanden überzeugen. Der überzeugte Anhänger einer Partei wird nach einem Artikel noch immer Anhänger dieser Partei sein. Ihr entschiedener Gegner wird anschließend wahrscheinlich auch nicht plötzlich die Seite wechseln. Interessant sind die anderen. Die, die sagen: Ich weiß darüber noch zu wenig. Erklär mir, was passiert ist. Zeig mir die Argumente. Sag mir, was dafür und was dagegen spricht. Und dann lass mich bitte selbst entscheiden, was ich davon halte. Das sind vielleicht fünf Prozent. Vielleicht weniger. Aber genau diese Menschen können am Ende einen Unterschied machen. Journalismus ist keine Bekehrungsanstalt. Oder sollte zumindest keine sein. Im besten Fall liefert er das Material zum Selberdenken.

Eigentlich müsste es dem Journalismus heute blendend gehen. Noch nie waren Informationen so leicht verfügbar. Bürgermeister berichten auf Facebook und Instagram über ihre Arbeit. Ratsfraktionen erklären ihre Positionen. Parteien veröffentlichen Videos und Stellungnahmen. Verwaltungen informieren über Projekte. Unternehmen, Vereine und Institutionen betreiben eigene Kanäle. Polizei und Behörden verschicken Pressemitteilungen beinahe in Echtzeit. Das ist erst einmal gut. Ein Bürgermeister, der regelmäßig berichtet, was er tut, schafft Öffentlichkeit. Eine Ratsfraktion, die erklärt, warum sie einem Antrag zugestimmt oder ihn abgelehnt hat, trägt zur politischen Debatte bei. Bürger können heute unmittelbar verfolgen, womit sich ihre Vertreter beschäftigen. Man sollte dabei nur einen kleinen Unterschied nicht übersehen: Das ist Information. Es ist nicht Journalismus. Natürlich wird eine Partei ihre eigene Politik erklären – und zwar, wenig überraschend, in ausgesprochen günstigem Licht. Und selbstverständlich wird ein Bürgermeister bevorzugt über Projekte berichten, die aus seiner Sicht prima laufen. Daran ist nichts verwerflich. Man sollte beim Lesen nur gelegentlich an den alten Otto-Witz denken:“Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist. Gezeichnet: Dr. Marlboro.“ Das Problem ist nämlich gar nicht, dass ein Politiker, eine Verwaltung oder eine Partei zwangsläufig lügt. Das Problem ist viel schlichter: Der Absender ist gleichzeitig Beteiligter und Berichterstatter. Und neutral über sich selbst berichten – das gelingt ungefähr so zuverlässig wie einem Angler, der die Größe seines Fangs beschreibt.

Und da liegt noch ein Unterschied zwischen einem journalistischen Medium und dem eigenen Kanal einer Partei, eines Politikers oder einer Institution: Bei uns endet eine Geschichte nicht automatisch mit der Sichtweise desjenigen, der sie zuerst erzählt hat. Selbst wenn wir eine Pressemitteilung nach Prüfung nahezu unverändert veröffentlichen – die darin kritisierte Seite bekommt selbstverständlich Gelegenheit zu antworten. Und auch diese Antwort findet bei uns ihren Platz. Öffentlichkeit heißt ja nicht, dass alle derselben Meinung sein müssen. Im Gegenteil: Sie braucht einen Ort, an dem unterschiedliche Positionen nebeneinanderstehen dürfen, ohne dass jemand heimlich den Lautstärkeregler bedient. Auf dem eigenen Social-Media-Kanal sieht das anders aus. Da entscheidet der Absender, welche Sichtweise erscheint, welche Antwort Reichweite bekommt und im Zweifel auch, welcher Kommentar stehen bleibt und welcher still verschwindet.

Früher brauchte ein Politiker eine Zeitung, einen Radiosender oder einen Journalisten, um eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Heute braucht er ein Smartphone. Innerhalb weniger Minuten kann eine Botschaft bei Tausenden sein. Ohne Nachfrage. Ohne Einordnung. Ohne jemanden, der wissen will, ob es vielleicht noch eine andere Sicht auf die Geschichte gibt. Technisch ein gewaltiger Fortschritt. Journalistisch ein interessantes Problem. Denn dieser lästige Mensch zwischen Absender und Empfänger hatte durchaus eine Funktion. Er sollte fragen: Stimmt das? Was sagt die andere Seite? Was steht wirklich in der Vorlage? Was kostet das? Wer bezahlt es? Gab es Alternativen? Und manchmal die besonders unangenehme Frage: Haben Sie uns nicht vor zwei Jahren noch etwas völlig anderes erzählt? Diese Zwischeninstanz lässt sich mittlerweile wunderbar einsparen. Ihr Fehlen merkt man nur nicht sofort.

Und genau das macht die Sache heikel. Wenn morgen niemand mehr in Lemgo aufwendig recherchieren würde, bliebe die Welt erst mal nicht stehen. Die Polizei würde weiterhin Pressemitteilungen verschicken. Die Stadt würde über Baustellen informieren. Parteien würden ihre Erfolge verkünden. Vereine würden Veranstaltungen ankündigen. Unternehmen würden Pressemitteilungen schreiben. Das Radio liefe weiter. Facebook wäre voll. Instagram auch. Es gäbe jeden Tag jede Menge Informationen. Vielleicht sogar mehr als heute. Was still und leise verschwinden würde, wäre etwas anderes. Die Frage, ob all diese Informationen zusammenpassen. Die Erinnerung daran, was früher mal gesagt wurde. Der Blick in Unterlagen, die niemand freiwillig auf Facebook postet. Die Nachfrage bei der anderen Seite. Die Unterscheidung zwischen einer wichtigen Nachricht und einer gelungenen Selbstdarstellung. Kurz: Es würden nicht die Nachrichten verschwinden. Es würde ihre Einordnung verschwinden. Und das Unangenehme daran ist: Wir würden es erst ziemlich spät bemerken.

Wobei die Frage nicht nur an die Leser geht. Menschen können nur aus dem wählen, was ihnen angeboten wird. Und die lokale Medienlandschaft hat sich verändert. Radio konkurriert längst nicht mehr hauptsächlich über Nachrichten, sondern über Unterhaltung, Musik und gute Laune. Tageszeitungen versuchen, ihre jahrzehntelang funktionierenden Geschäftsmodelle irgendwie in die digitale Welt zu retten und gleichzeitig auf sämtlichen Plattformen stattzufinden. Daneben entstehen neue (teils subventionierte) lokale Angebote und Formate, die stark auf Unterhaltung, kurze Botschaften und maximale Aufmerksamkeit setzen. Das alles darf sein. Nur sollte man sich ab und zu fragen, was dabei aus dem eigentlichen journalistischen Auftrag wird. Wer besucht noch die Sitzungen? Wer liest die Vorlagen? Wer recherchiert eine Geschichte weiter, obwohl nach zwei Stunden bereits klar ist, dass sie am Ende weniger Leser haben wird als ein Verkehrsunfall? Wer stellt eine Frage, deren Antwort möglicherweise niemandem schmeckt? Und wer kann es sich überhaupt noch leisten, das zu tun?

Diese Fragen muss sich übrigens auch mein-lemgo.news gefallen lassen. Auch hier erscheinen Polizeimeldungen, Pressemitteilungen, Veranstaltungshinweise und leichte Geschichten. Natürlich. Lokaljournalismus besteht nicht ausschließlich aus Haushaltsplänen, Ausschusssitzungen und investigativer Recherche. Menschen dürfen sich auch einfach darüber freuen, beim Volkslauf jemanden im Video zu entdecken, den sie kennen. Die Mischung ist nicht das Problem. Problematisch wird es erst, wenn die Mischung wirtschaftlich nur noch eine Richtung kennt.

Wenn ich heute entscheiden müsste, was ich morgen veröffentliche, und dafür ausschließlich die bisherigen Zugriffszahlen heranziehen dürfte – die Entscheidung wäre in dreißig Sekunden getroffen. Die sechs Stunden Recherche könnte ich mir schenken. Betriebswirtschaftlich vermutlich sogar vernünftig. Journalistisch eine Kapitulation. Und genau da stellt sich für mich nach einigen Jahren Lokaljournalismus tatsächlich die Frage: Was wollt ihr eigentlich? Das ist nicht beleidigt gemeint. Und es ist auch kein Jammern darüber, dass ein Polizeibericht öfter gelesen wird als Kommunalpolitik. Ich verstehe ziemlich gut, warum das so ist. Es ist eine ernst gemeinte Frage danach, welche Art von lokaler Öffentlichkeit wir haben wollen.

Reicht es uns, zu erfahren, was passiert ist? Oder wollen wir gelegentlich auch wissen, warum es passiert, wer darüber entschieden hat, welche Interessen dahinterstehen und ob es noch eine andere Sicht darauf gibt? Wer ausschließlich schnelle Nachrichten will, bekommt sie heute an jeder Ecke. Wer wissen möchte, wie ein Bürgermeister seine Arbeit sieht, kann dem Bürgermeister folgen. Wer wissen möchte, was eine Partei von einem Beschluss hält, kann die Partei fragen. Wer Unterhaltung sucht, findet davon mehr, als ein einzelner Mensch in seinem ganzen Leben konsumieren könnte. Dafür braucht es keinen Journalisten. Journalismus wird erst dort interessant, wo jemand sagt: Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Für diesen einen Satz lohnt sich die ganze Arbeit. Und wenn ihn am Ende nur 200 Leute sagen – dann sind es eben 200.

Deshalb habe ich eigentlich nur einen Wunsch: Entscheidet nicht nur mit dem Daumen, was wichtig ist. Gebt auch den Geschichten eine Chance, die nicht schon in der Überschrift knallen, sondern erst beim Lesen zeigen, warum sie euch etwas angehen. Und wenn euch seriöser, unabhängiger Lokaljournalismus wichtig ist, dann zeigt es auch – indem ihr ihn lest, teilt, weiterempfehlt und, wo es möglich ist, finanziell unterstützt. Denn Journalismus, den niemand bezahlt, kann sich irgendwann auch niemand mehr leisten.

Wobei diese Entscheidung nicht nur bei den Leserinnen und Lesern liegt. Auch Politik, Verwaltung, Vereine und Institutionen gestalten mit, welche Form von Öffentlichkeit entsteht – durch die Informationen, die sie zur Verfügung stellen, durch ihre Bereitschaft, sich auch unbequemen Nachfragen zu stellen, und nicht zuletzt dadurch, welche Medien sie als journalistische Partner ernst nehmen. Und Unternehmen entscheiden mit ihrer Werbung nicht nur, wo ihre Anzeige gesehen wird. Sie entscheiden ein Stück weit auch, welches publizistische Umfeld sie mittragen. Eine Anzeige ist nie nur eine Anzeige. Sie ist auch ein Votum dafür, dass es den Ort, an dem sie steht, weiterhin geben soll.

Welche Art von Lokaljournalismus es morgen noch gibt, entscheidet also nicht allein derjenige, der ihn macht. Darüber entscheiden wir alle mit: diejenigen, die Informationen liefern, diejenigen, die Journalismus wirtschaftlich möglich machen – und diejenigen, die ihn lesen. Was wichtig ist, lässt sich eben nicht immer an Klickzahlen ablesen.


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Einzelne Beiträge und Reels: erreichen in der Spitze 40.000 Aufrufe

Was hinter einem Beitrag steckt

Reportage: Vorbereitung, Gespräch, Recherche und Nachbereitung – durchschnittlich rund 3 Stunden

Ratssitzung: Vorbereitung, Sitzung und journalistische Nachbereitung – rund 4 Stunden

Polizeimeldung: Prüfung, Bearbeitung und Veröffentlichung – meist 5 bis 10 Minuten

mein-lemgo.news ist ein privat betriebenes und unabhängiges lokales Nachrichtenmedium. Es gehört weder zur Stadt Lemgo noch zu einer anderen öffentlichen Institution und erhält keine öffentlichen Zuschüsse oder Subventionen. Recherche, Termine, Texte, Fotografie, Veröffentlichung und Social Media entstehen in einer Ein-Mann-Redaktion. Finanziert wird das Angebot vor allem durch Anzeigen- und Kooperationspartner sowie durch die freiwillige Unterstützung von Leserinnen und Lesern.


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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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