Trinkwasserversorgung und Ladenetz: Stadtwerke-Chef Matthias Sasse antwortet auf Bürgerfragen
Lemgo. Wenn im Mai die ersten heißen Tage kommen, rücken Fragen zur lokalen Infrastruktur schnell in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das zeigt sich derzeit an zwei völlig unterschiedlichen Themen, die die Lemgoer bewegen: Auf der einen Seite sorgt die Trinkwasserversorgung für Gesprächsstoff, nachdem in einigen benachbarten Regionen in Nordrhein-Westfalen – wie etwa in den Kreisen Herford oder Minden-Lübbecke – die Wasserampeln nach einer kurzen Hitzewelle überraschend schnell auf Rot sprangen. Und in der Bürgerschaft wird in den sozialen Netzwerken unabhängig vom Wetter intensiv über den Zustand des öffentlichen Ladenetzes für Elektroautos diskutiert. Da uns zu beiden Komplexen regelmäßig Fragen und auch konkrete Kritik zu Punkten wie Ladegeschwindigkeit, Tarifen oder Störungen am Wochenende erreichen, haben wir das direkte Gespräch gesucht.

Wir haben diese Anliegen gesammelt und direkt bei den Stadtwerken Lemgo nachgefragt. Geschäftsführer Matthias Sasse hat sich im Gespräch ausführlich Zeit genommen, um die Hintergründe zu erklären und aufzuzeigen, wo die Stadtwerke an Verbesserungen arbeiten.
Teil 1: Die Trinkwassersituation – Warum Regen im Sommer die Speicher nicht füllt
Nachdem in anderen Regionen bereits erste Empfehlungen zum Wassersparen ausgesprochen wurden, fragen sich auch viele Lemgoer, ob die heimische Versorgung langfristig sicher ist.
Keine akuten Probleme bei der Versorgung
Für die Hansestadt kann die Geschäftsführung beruhigen: „Was wir allen im Grunde immer sagen ist: Wir haben aktuell kein Versorgungsproblem in Lemgo. Da unterscheiden wir uns von anderen Kreisen, wo man ja mitkriegt, dass die Wasserampeln jetzt schon mal auf Rot standen“, erklärt Matthias Sasse. Die hauseigenen Brunnenanlagen und Hochbehälter reichen aus, um den Bedarf zu decken. Die Trinkwasserampel der Stadtwerke steht derzeit stabil auf Grün.
Der Unterschied zwischen Niederschlag und Grundwasser
Sasse räumt im Gespräch jedoch mit einem verbreiteten Missverständnis auf. Viele Menschen wundern sich über Warnungen, wenn es doch alle paar Tage regnet. Der Stadtwerke-Chef stellt klar: „Niederschlag und Grundwasser haben im Sommer erst mal gar nichts miteinander zu tun. Neues Grundwasser bildet sich eher zwischen Ende Oktober und Ende März.“
In dieser kühleren Phase ist der Boden gut durchfeuchtet, und da die Pflanzen kaum aktiv sind, kann das Wasser in die tiefen Schichten einsickern. Regen, der im Sommer fällt, bringt für die tieferen Speicher hingegen fast nichts: „Alles, was jetzt im Sommer runterkommt, verdunstet entweder direkt wieder oder wird sofort von den Pflanzen weggesaugt“, so Sasse.
Ein weiteres Problem ist die Art des Niederschlags. Der klassische, feine „lippische Landregen“, der über die ganze Nacht hinweg den Boden durchfeuchtet, bleibt immer öfter aus. „Wir haben heute ja eher immer diese kurzen, heftigen Schauer. Und das führt am Ende dazu, dass sich weniger neues Grundwasser bildet“, führt Sasse aus. Die Folge ist messbar: „Das letzte Mal hatten wir so richtig gute Höchststände beim Grundwasser im Jahr 2018. Durch den extrem trockenen Sommer damals haben sich die Stände bis heute nicht wieder richtig erholt.“
Das Vorsorge-Prinzip der Wasserampel
Sollte die Trockenheit im Laufe des Sommers zunehmen, sieht das Konzept der Stadtwerke als erste Maßnahme das Umschalten auf eine gelbe Wasserampel vor. „Der erste Schritt wäre dann eine gelbe Trinkwasserampel, mit der wir noch mal klipp und klar darauf hinweisen würden, dass jetzt Wasser gespart werden muss“, erklärt Sasse. Er blickt jedoch zuversichtlich auf die kommenden Monate: „Ich gehe eigentlich fest davon aus, dass wir damit erst mal gut über den Sommer kommen. Hundertprozentig wissen kann ich es natürlich auch nie, aber wir leben hier einfach in einer sehr wasserreichen Gegend. Wir mussten solche Maßnahmen in den letzten Jahren überhaupt nicht ausrufen, nicht mal im extremen Dürrejahr 2018.“
Dennoch bittet er um Umsicht und verweist auf die laufende Wassersparkampagne der Stadtwerke: „Egal zu welcher Uhrzeit oder Jahreszeit: Sorgsam mit dem Wasser umzugehen, ist immer ein guter Ratgeber. Jeder Tropfen, den wir nicht hochpumpen müssen, ist ein guter Tropfen – denn der bleibt erst mal da unten im Boden gespeichert.“
Teil 2: Das Ladenetz – Zwischen Ladegeschwindigkeit, Kosten und Service
Beim Thema Elektromobilität gehen die Meinungen in der Lemgoer auseinander. E-Autofahrer bemängeln unter anderem, dass öffentliche Säulen oft zu langsam laden, die Preise im Vergleich hoch seien und Störungen am Wochenende nicht schnell genug behoben werden.
Das Konzept der Verweildauer
Viele Nutzer fordern den flächendeckenden Ausbau von extrem schnellen Ladesäulen. Die Stadtwerke verfolgen hier jedoch ein Konzept, das sich nach dem Aufenthaltsverhalten am jeweiligen Parkplatz richtet. Sasse verdeutlicht das an einem alltäglichen Beispiel: „Wenn ich mein Auto irgendwo über Nacht hinstelle, ist es mir in der Regel nicht so wichtig, wie lange das Laden dauert. Steht der Wagen mitten im Wohngebiet die ganze Nacht an der Säule, kann er sich ruhig Zeit lassen. Da sind 11 oder 22 kW vollkommen in Ordnung.“
Ganz anders sehe das unterwegs aus: „Wenn ich auf der Autobahn fahre, rechts ran muss, mir schnell einen Kaffee hole und eine Erledigug machen gehe, dann will ich natürlich richtig Power auf der Säule haben, damit ich zügig weiterkomme.“ Das Gleiche gelte für den Supermarkt oder Restaurants, wo man eben deutlich kürzer verweilt.
An den zentralen Parkplätzen in der Lemgoer Innenstadt setzen die Stadtwerke auf dieses Verhalten: „Wir haben uns bei den Schnellladern gedacht: Das sind Parkplätze mit Aufenthaltsqualität. Wir sehen ja an den internen Daten, wie lange die Leute da im Schnitt stehen – die parken dort, gehen für ein, anderthalb Stunden in die Stadt und kommen dann wieder. Genau auf diese Zeitspanne haben wir die Ladeleistung ausgelegt.“
Das Netz wird dennoch weiter ausgebaut: „Für die Parkpalette am Bruchweg haben wir beides auf dem Schirm: Normale 11- und 22-kW-Säulen für Leute, die länger parken, aber da sind nach der Modernisierung definitiv auch Schnelllader geplant.“
Standorte gesucht: Bürger können Vorschläge einreichen
Für Lemgoer, die in Wohngebieten ohne eigenen Stellplatz leben, bietet der Geschäftsführer eine direkte Zusammenarbeit an: „Wir haben dazu auch schon im Stadtwerkemagazin aufgerufen: Leute, wenn ihr in einem Wohngebiet mit vielen Reihenhäusern oder Mehrfamilienhäusern wohnt und keinen eigenen Parkplatz habt, aber eine Ladesäule braucht – meldet euch bei uns! Wir schauen uns die Ecke an, und wenn wir das irgendwie hinbekommen, prüfen wir das und stellen euch da eine Säule hin. Das ist gar kein Ding.“ Eine Einschränkung gibt es jedoch: „Es muss halt ein Standort sein, wo nicht nur dreimal im Jahr jemand lädt, sondern wo sich die Säule auch ein bisschen lohnt.“
Preisstrukturen und der Einfluss der Anbieter
Bezüglich der oft als teuer empfundenen Kosten erinnert der Stadtwerke-Chef daran, dass die Stadtwerke wirtschaftsorientiert agieren.. Sasse ergänzt dazu: „Wir haben auf die Preise leider relativ wenig Einfluss, weil das am Ende immer davon abhängt, welchen Anbieter man nutzt – also ob man nun die EnBW-Ladekarte hat oder was auch immer.“
Für die Menschen vor Ort gibt es jedoch eine Lösung: „Wir bieten für unsere eigene Ladeinfrastruktur ja eine eigene Stadtwerke-Ladekarte an. Die ist genau für die Kunden gedacht, die hier in der Stadt wohnen, keinen eigenen Parkplatz haben oder einfach viel in Lemgo unterwegs sind und unsere Säulen nutzen. Dafür kann man sich die Karte holen. Der Tarif liegt hierbei verlässlich im Bereich von rund 38 bzw, 42 Cent pro Kilowattstunde. Auf die Preise der Konkurrenz mit ihren Karten haben wir dagegen kaum einen Einblick.“
Umgang mit Störungen und Erreichbarkeit am Wochenende
Dass Ladesäulen gelegentlich ausfallen, lässt sich technisch nicht gänzlich vermeiden. Ein massives Softwareproblem, das um den vergangenen Jahreswechsel herum zu häufigen Ausfällen führte, wurde laut Stadtwerken mittlerweile behoben. „Wir hatten im letzten Jahr echt einen massiven Software-Wurm drin, der uns einen Großteil der Ladesäulen immer wieder lahmgelegt hat. Das haben wir mittlerweile aber gut im Griff“, so Sasse.
Das heutige Überwachungssystem meldet Fehler automatisch: „Wir kriegen sofort Bescheid, wenn eine Säule auf Störung geht. Gut 60, 70 oder 80 Prozent der Probleme können wir direkt vom Schreibtisch aus regeln: Wir sagen der Säule einfach: ‚Einmal neu starten bitte!‘. Dann resettet sich die Kiste, verbindet sich neu mit dem System und läuft in der Regel wieder.“
Erfordert ein Defekt jedoch den manuellen Einsatz eines Technikers, erfolgt dieser in der Regel an den Werktagen. Sasse erklärt: „Wenn wirklich mal jemand rausfahren und den Schaltschrank aufmachen muss – sei es für einen manuellen Reset oder ein Software-Update vor Ort –, dann passiert das tatsächlich unter der Woche. Da müssen wir dann einfach darauf verweisen, dass wir im Stadtgebiet ja zum Glück viele Lademöglichkeiten haben und man im Zweifel auf eine andere Säule ausweichen muss.“
Auf die Kritik einiger Leser, dass telefonische Meldungen im Kundenservice zwar freundlich entgegengenommen würden, gefühlt aber keine Wirkung zeigten, reagierte der Geschäftsführer offen: „Wir sind auf die Hinweise der Leute angewiesen. Am Ende des Tages leben wir genau von diesem Feedback – egal ob per Mail oder Anruf. Wir können uns ja nur um die Dinge kümmern, von denen wir auch wissen. Wenn uns niemand sagt, dass er zum achten Mal erfolglos versucht hat, an einer Säule zu laden, können wir das Problem nicht anpacken.“ Er versprach, den Hinweis intern mitzunehmen, „um das Thema noch mal anzusprechen, damit wir bei solchen Meldungen noch genauer hinschauen. Wir müssen den Leuten deutlicher zeigen, dass wir ihre Infos ernst nehmen und uns dafür bedanken – damit sich niemand abgewimmelt fühlt.“ Zudem prüfen die Stadtwerke, ob an allen Standorten die Störungsnummern gut sichtbar angebracht sind.
Warum Lade-Apps manchmal fehlerhafte Daten anzeigen
Ein häufiges Ärgernis ist es, wenn eine Navigations-App eine defekte Säule als funktionstüchtig und frei meldet. Hier erklärt Sasse den technischen Ablauf: „Die Verfügbarkeiten werden von uns ganz normal in die Systeme hochgespielt, das kommt direkt aus unserem Live-System. Und unser System meldet natürlich nicht: ‚Säule ist tipptopp‘, wenn sie eigentlich kaputt ist.“
Das Problem liege auf dem Weg zum Autofahrer: „Da hängen aber Synchronisationszeiten und haufenweise verschiedene Provider dazwischen. Je nachdem, welche App man nutzt, kann das zu Verzögerungen führen oder es werden schlicht falsche Infos angezeigt. Auf diese Apps haben wir aber absolut keinen Einfluss. Wir können die Daten nur sauber zur Verfügung stellen. Das ist wie im Supermarkt: Wir stellen die Infos ins Regal, und die Apps holen sie sich von dort ab.“
Infobox: Das Ampelsystem der Stadtwerke Lemgo
Auf der offiziellen Webseite haben die Stadtwerke ein transparentes Ampelsystem eingerichtet, das die Bürger über den aktuellen Status der Trinkwasserversorgung informiert. Die Stufen im Überblick:
- 🟢 Grün (Aktueller Status): Die Versorgung ist absolut stabil und gesichert, der Verbrauch liegt unterhalb der maximalen Förderkapazität. Eine uneingeschränkte Nutzung des Leitungswassers ist möglich. Die Stadtwerke bitten dennoch darum, Wasser zu jeder Zeit verantwortungsvoll zu nutzen.
- 🟡 Gelb (Höherer Verbrauch): Der Wasserbedarf liegt über dem langjährigen Durchschnitt und belastet die Brunnenanlagen. Die Versorgung bleibt gesichert, erfordert jedoch umsichtiges Handeln der Bürger. Die Empfehlungen:
- Die Garten- und Rasenbewässerung ist auf die frühen Morgen- oder späten Abendstunden auf das Nötigste zu beschränken.
- Private Pools und Zisternen sollten möglichst nicht mit Trinkwasser befüllt werden.
- Keine Reinigung von Fahrzeugen, Terrassen oder Außenflächen mit Leitungswasser.
- Größere geplante Wasserentnahmen müssen vorab bei den Stadtwerken angemeldet werden.
- 🔴 Rot (Kritische Situation): Der Tagesverbrauch hat ein sehr hohes Niveau erreicht. Um die Grundversorgung sowie die Löschwasserreserven der Feuerwehr zu sichern, ist eine starke Reduzierung zwingend erforderlich. Die Vorgaben:
- Vollständiger Verzicht auf Rasen- und Gartenbewässerung (Ausnahme: Neupflanzungen).
- Absolutes Verbot für das Befüllen von Pools, Zisternen oder großen Behältnissen.
- Keine Reinigung von Autos, Terrassen oder Gebäuden mit Trinkwasser.
- Die Nutzung im Haushalt (Duschen, Baden, Zähneputzen) ist zeitlich zu minimieren.
Wichtige Kontakte und weiterführende Links:
- Die tagesaktuelle Status-Ampel und ausführliche Informationen zum Wassersparen finden Sie direkt unter: stadtwerke-lemgo.de/wassersparen.
- Praktische Energiespartipps, Beratungsmöglichkeiten und Informationen zum lokalen Umweltschutz bietet das Klimaportal der Stadt unter: www.klimaschutz-lemgo.de/.
- Störungs-Notdienst: Sollten Sie am Wochenende oder an Feiertagen eine Störung im Bereich Strom, Gas, Fernwärme oder Wasser bemerken, erreichen Sie die rund um die Uhr besetzte Hotline der Stadtwerke unter der Telefonnummer 05261 255-112. . Auf den Ladesäulen ist zudem meist eine eigene Service-Rufnummer des Betreibers angebracht, die Sie ebenfalls anrufen können



