Operation „Sonnengruß“: Wenn der Lemgoer Hobbygärtner die Bodenhaftung verliert

Die Glosse
Kaum klettert das Thermometer im Lipperland erstmals über die 10-Grad-Marke und die Sonne blinzelt zaghaft durch das Einheitsgrau, bricht sie aus: die akute Garten-Psychose. Es ist ein Phänomen, gegen das kein Kraut gewachsen ist – außer vielleicht der Giersch, aber der kommt später.
Die Invasion der Neon-Softshells
Sobald der erste Sonnenstrahl den heimischen Rasen berührt, verwandelt sich der friedliche Nachbar in einen hochgerüsteten Outdoor-Extremisten. Gestern saß er noch in dicken Wollsocken vor dem Fernseher, heute steht er in einer neongelben Funktionsjacke, die eigentlich für die Besteigung des K2 konzipiert wurde, im Vorgarten. Sein Blick: fest entschlossen. Sein Ziel: die totale Unterwerfung der Flora.
Das Aufrüsten der Baumarkt-Gladiatoren
Die Anzeichen für den kollektiven Wahnsinn sind unüberhörbar. In der Ferne jault der erste Häcksler sein Klagelied, und in den Gängen der lokalen Baumärkte spielen sich Szenen ab, die stark an den Schlussverkauf bei einer Klopapier-Knappheit erinnern.
- Der Klassiker: Menschen, die drei Kubikmeter Rindenmulch in einen Kleinwagen quetschen, bis die Stoßdämpfer um Gnade winseln.
- Die Optimisten: Hobbygärtner, die im Februar bereits Geranien kaufen, als gäbe es kein Morgen – oder zumindest keine Frostnächte mehr. Spoiler: Die Eisheiligen lachen sich jetzt schon ins Fäustchen.
Die Anatomie des Frühjahrsputzes
Es wird geschrubbt, bis die Terrassenplatten ihre ursprüngliche Farbe (und die oberste Steinschicht) verlieren. Der Hochdruckreiniger ist das Zepter des Vorstadt-Königs. Dass die Wassertemperatur noch knapp über dem Gefrierpunkt liegt, wird ignoriert. Man härtet sich ab. Man ist jetzt eins mit dem Boden – auch wenn der Boden eigentlich noch eine einzige Matschwüste ist, die beim Betreten Geräusche macht wie ein hungriger Sumpfgeist.
Die akustische Invasion: Laubbläser-Orchester und Rasenmäher-Ballett
Und natürlich dürfen sie nicht fehlen: Die akustischen Umweltverschmutzungen, die wie ein Urknall über die Siedlungen hereinbrechen. Da ist der Laubbläser-Fanatiker, der mit der Leidenschaft eines Orchestermusikers jedes verirrte Blatt vor sich herjagt – auch wenn es eigentlich nur von links nach rechts fliegt. Und der Rasenmäher-Pilot, der seinen Boliden über die noch schlafenden Grashalme dirigiert, als ob es kein Morgen gäbe. Ob es Sinn macht, einen Rasen zu mähen, der noch gar nicht gewachsen ist, ist zweitrangig. Hauptsache, es brummt und man hat das Gefühl, etwas getan zu haben. Das Dröhnen dieser Motoren ist der Soundtrack des Lemgoer Frühjahrs, der uns sanft, aber bestimmt daran erinnert, dass die Ruhe des Winters endgültig vorbei ist.
Fazit: Ruhe bewahren!
Liebe Freizeit-Botaniker, wir verstehen euch. Die Sehnsucht nach Grün ist nach dem grauen Winter riesig. Aber während ihr bereits die Kettensäge fettet und die Primeln in den noch gefrorenen Boden rammt, denkt daran: Die Natur hat kein WLAN und auch keine Eile.
Gönnt euch lieber einen Kaffee in der ersten echten Sonne, schaut den Krokussen beim Wachsen zu und lasst den Vertikutierer noch eine Woche in der Garage. Der Rasen wird es euch danken – und die Nachbarn auch.
5 Goldene Regeln für Lemgoer Frühaufsteher (im Garten)
Damit die Freude am Grün nicht beim nächsten Frost erfriert, hier der kleine Fahrplan für alle, die es kaum abwarten können:
1. Finger weg vom Vertikutierer!
Auch wenn es in den Fingern juckt: Der Rasen ist im Februar noch im Tiefschlaf. Wer jetzt schon die Grasnarbe aufreißt, produziert meist nur Matschlöcher. Wartet, bis der Boden dauerhaft über 10 °C warm ist.
2. Der „Sicht-Check“ statt Großangriff
Statt alles radikal kurzzuschneiden, lieber vorsichtig aufräumen. Alte Staudenreste und Laub schützen die Insekten, die jetzt langsam wach werden. Wer zu früh alles „nackt“ macht, nimmt Nützlingen das Winterquartier.
3. Frühblüher-Check: Primeln & Co.
Die bunten Töpfe im Baumarkt locken, aber Vorsicht: Viele sind im Gewächshaus vorgezogen und vertragen keinen Frost. Nachts gehören sie noch nah ans Haus oder unter ein Vlies.
4. Werkzeug-Wellness
Bevor es richtig losgeht: Scheren schärfen und Rasenmäher checken. Nichts ist frustrierender, als beim ersten echten Einsatz im März festzustellen, dass das Gerät streikt oder die Klinge stumpf ist wie ein Löffel.
5. Das „Lippische Wetter-Orakel“
Der Februar in Lemgo kann tückisch sein. Ein sonniger Vormittag bedeutet noch keinen Frühling. Behaltet die Nachtwerte im Auge – Bodenfrost ist bis weit in den April hinein unser treuer Begleiter.
Tipp vom Fach: Wer jetzt schon aktiv werden will, kann drinnen auf der Fensterbank mit der Aussaat von Paprika oder Tomaten beginnen. Das stillt den Tatendrang, ohne dass man draußen im Matsch versinkt!




