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Modemarken „Jack & Jones“ und „Only“ verlassen die Mittelstrasse 64 und 66 – Vermieter sieht Strukturwandel als Chance

Vermieter Hans Schmitting

Nach fast 20 Jahren schließen die beiden bekannten Bekleidungsgeschäfte „Jack & Jones“ und „Only“ (beide Marken gehören wie z.B. auch „Vero Moda“ zum Konzern Bestseller) zum 31. August ihre Filialen in der Lemgoer Mittelstraße 64 und 66. Was für viele Kunden überraschend kommt, ist für den Eigentümer der Immobilie, Hans Schmitting, ein ganz normaler geschäftlicher Vorgang: Der Mietvertrag ist schlichtweg ausgelaufen.

Der Rückzug der beiden Modemarken verlief unspektakulär und im beiderseitigen Einvernehmen. Von keiner Seite bestand offenbar ein gesteigertes Interesse an einer weiteren Vertragsverlängerung. Schmitting blickt der Situation entsprechend gelassen entgegen. Da sich das Gebäude in einer absoluten 1A-Toplage direkt am Marktplatz befindet, macht er sich um die Zukunft der Flächen keine großen Sorgen. Derzeit sind bereits Makler beauftragt; erste Sondierungsgespräche mit potenziellen Nachmietern laufen, spruchreif ist allerdings noch nichts.

„Die Innenstädte von früher wird es nicht mehr geben“

Unabhängig von seinem eigenen Objekt beobachtet das Lemgoer Urgestein jedoch einen massiven, grundlegenden Wandel der Innenstädte. Der boomende Online-Handel nehme dem stationären Einzelhandel unaufhaltsam Marktanteile ab. Schmitting findet dafür klare Worte: „Die Innenstädte, die wir mal hatten, die wird es in Zukunft nicht mehr geben.“

Zusätzlich erschwert wird die Situation nach Ansicht des Eigentümers durch die schiere Dimension der Lemgoer Einkaufsmeile. Mit fast einem Kilometer Länge ist die Fußgängerzone für eine Stadt mit rund 40.000 Einwohnern – von denen etwa 25.000 in der Kernstadt leben – komplett überdimensioniert. Schmitting zieht einen bemerkenswerten Vergleich: Die Lemgoer Mittelstraße ist damit länger als die berühmte Maximilianstraße in München. Diese Überkapazität führe unweigerlich zu Leerständen und einer gewissen Austauschbarkeit im Stadtbild, das zunehmend von Handy-, Brillen- oder Hörgeräteläden geprägt wird.

Offenheit für neue Konzepte: Von Dienstleistung bis Wohnen

Trotz dieser tiefgreifenden Entwicklung weigert sich der Vermieter, in das allgemeine Jammern über das „Innenstadtsterben“ einzustimmen. Das Leben bestehe aus ständiger Veränderung; Risiko und Chance lägen hier nah beieinander. Für die Nachnutzung der über 500 Jahre alten Immobilie zeigt er sich für fast alles offen, solange es sich um ein langfristiges Konzept handelt – kurzzeitige Pop-up-Stores sieht er an diesem markanten Standort eher kritisch.

Schmitting ist davon überzeugt, dass sich die Stadt Lemgo auf lange Sicht einer Umnutzung von ehemals reinen Einzelhandelsflächen nicht verschließen kann. Eine Umwidmung der Gebäude für Dienstleister, Kanzleien, Gastronomie oder sogar für klassisches Wohnen hält er im Zuge des Strukturwandels für unumgänglich. Sein pragmatisches Fazit für die Zukunft der Mittelstraße 64–66 lautet daher: „Hauptsache, da ist jemand drin und die Fläche wird bespielt.“


Der Kommentar von Michael Pitt

Klartext aus der Fußgängerzone: Zwischen Zweckoptimismus und Berater-Prosa

Manchmal hilft ein Blick nach vorn, um nicht im kollektiven Jammern zu versinken. Wenn in unserer guten Stube – der Lemgoer Fußgängerzone – prominente Ladenflächen frei werden, schrillt bei Stadtmarketing und der Wirtschaftsförderung meist sofort die Alarmglocke der höchsten Stufe. Umso erfrischender ist es, wie Inhaber Hans Schmitting mit der Situation umgeht. Kein Drama, kein weltuntergangsähnliches Szenario, sondern ein unaufgeregter Blick nach vorn. Herr Schmitting schaut zuversichtlich in die Zukunft, und diese Haltung tut der lokalen Debatte verdammt gut.

Aber – und dieses „Aber“ müssen wir uns trotz aller Gelassenheit erlauben – wir wollen die Sache auch nicht weglächeln. Ein Leerstand mitten im Herzstück unserer Innenstadt reißt erst einmal eine spürbare Lücke. Für eine gewisse Zeit wird die Attraktivität – gerade für das jüngere Publikum – der Einkaufsmeile darunter leiden. Wer das ignoriert, geht mit geschlossenen Augen durch die Mittelstraße. Und das ewige Verweisen auf die vermeintlich großartigen Passantenfrequenzen, wie es von offizieller Seite so gerne getätigt wird, greift eben zu kurz – denn diese Zahlen sind anscheinend nicht gut genug, um Läden anzuziehen, die wirklich attraktiv auf unsere Bürger wirken. Uns bringt es schließlich überhaupt nichts, wenn der nächste Optiker, der nächste Barber-Shop oder noch eine Imbissbude in der Innenstadt eröffnet. Das wird die Attraktivität („Verweilqualität“) jedenfalls nicht erhöhen.

Bei Mein Lemgo halten wir es ja ohnehin lieber mit der Realität: Alles schlechtzureden bringt uns kein Stück weiter. Es aber krampfhaft blumig zu färben, hilft den Menschen vor Ort erst recht nicht.

Schauen wir der Wahrheit also mal ganz nüchtern ins Gesicht: Das hier ist kein exklusives Lemgo-Problem. Wir erleben einen tiefgreifenden Wandel, der fast jede Innenstadt trifft. Wir alle müssen uns schlicht daran gewöhnen, dass der klassische Handel nicht mehr die alles dominierende Hauptrolle in den Zentren spielen wird. Letztlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem – und das bedeutet auch, dass wir alle unser eigenes Konsum- und Ausgehverhalten mal gründlich überdenken müssen.

Genau deshalb ist die Sache auch eine Nummer zu groß für unser Stadtmarketing, das zudem für die Flächennutzung, Betreuung von Immobilienbesitzern und Großinvestoren sowie Stadtentwicklung nicht geschaffen wurde. Hier sind vielmehr die Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und die Politik gefragt, das Problem ganzheitlich anzupacken.

Denn mit ein paar kurzfristigen Fördermitteln hier und den theoretischen Hochglanz-Konzepten von teuren, externen Unternehmensberatern ist es einfach nicht getan. Die Realität da draußen schert sich reichlich wenig um bunte Powerpoint-Präsentationen und Passanten-Frequenzmessungen. Packen wir es also gemeinsam an – aber bitte mit echtem, planerischem Handwerk statt mit Berater-Prosa und Schönfärberei.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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