Bauerherr mit Biss: Der Biber in Lippe
Er ist Deutschlands größtes Nagetier und fühlt sich seit knapp sechs Jahren im Kreis wieder heimisch: Der Biber. Knapp 200 Jahre galt er in Lippe als ausgestorben, nun breitet er sich langsam aber sicher wieder aus. Nachdem aufmerksame Beobachter 2020 erste Sichtungen am SchiederSee und ein Jahr später in Varenholz meldeten, dokumentierte die Biologische Station Lippe bereits kurze Zeit später den ersten Nachwuchs. „Man kann schon sagen: Er ist zurückgekommen, um zu bleiben. Gerade in diesem Winter kam Bewegung in die Population. Wir konnten einen ersten Ausbreitungsschub beobachten. Ein Monitoring wird zeigen, ob es sich dabei um dauerhafte Reviere oder temporäre Ansiedlungen handelt“, erklärt Nadine Petry, zuständig für den Biber bei der unteren Naturschutzbehörde (uNB) des Kreises Lippe.
Die Weser, die Emmer und ihre jeweiligen Zuflüsse stellen derzeit den zentralen Korridor für die Rückkehr der streng geschützten Tiere nach Lippe dar. Obwohl die Population im Kreis noch klein ist, informiert die untere Naturschutzbehörde seit kurzem regelmäßig Städte und Kommunen, Naturschutzverbände und andere Interessenträger über die Entwicklung. „Wir möchten ein Netzwerk etablieren, um Aufklärung zum Artenschutz zu leisten, fachkundige Beratung anzubieten und bei möglichen Konfliktfällen frühzeitig reagieren zu können“, betont Petry.
Im Bereich des Herrengrabens in Kalletal-Varenholz machte sich diese enge Zusammenarbeit im Winter 2025/26 bezahlt. Ein Biberdamm verursachte Probleme beim Gewässerablauf. Der entstandene erhöhte Wasserspiegel und der damit verbundene Rückstau beeinträchtigte die Funktion einer Rückhaltevorrichtung. Da Biber und ihre Lebensstätten streng geschützt sind, darf ein Biberdamm jedoch nicht so einfach entfernt werden. In Abstimmung und mit Genehmigung der uNB konnte die Gemeinde gezielte Maßnahmen zum „Biber-Management“ durchführen. Sie reduzierte durch fachgerechte Maßnahmen die Höhe des Dammes, so dass der Rückstau minimiert werden konnte. „Das Beispiel zeigt: In der Regel findet sich eine Kompromisslösung, mit der Mensch und Biber gleichermaßen leben können“, sagt Petry.
Sie ergänzt: „Die positiven Effekte für Biodiversität und Gewässerschutz wiegen den Managementbedarf für die Tierart mehr als auf.“ Durch Biber geprägte Gewässer und Auen bieten aufgrund ihrer Strukturvielfalt Lebensräume für zahlreiche andere Tiere und Pflanzen. Biber sind zudem in der Lage, mit ihren Bautätigkeiten Fließgewässer mit niedrigem oder stark schwankendem Wasserstand so zu regulieren, dass sie oft auch in trockenen Monaten länger Wasser führen als zuvor. Dies resultiert in einer besseren Wasserqualität und wirkt sich positiv auf wirbellose Tiere und Fischbestände aus. Oft errichten Biber mehrere Dämme hintereinander und erzeugen so eine Teichkaskade, die erfolgreich Sediment zurückhält, Fließgeschwindigkeiten und Hochwasserspitzen bei Starkregen reduziert und auch langfristig den Grundwasserspiegel in der Umgebung anheben kann.
Bei Bibersichtungen oder bei Fragen im Umgang können sich Bürger an die uNB unter 05231 – 62 77511 oder an die Biologische Station Lippe unter 05282-462 wenden.
Hintergrundinformationen zum Biber
Der Biber ist gemäß Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) in Deutschland besonders und streng geschützt. Es ist daher verboten, die Tiere zu stören, zu verfolgen, zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Auch seine Dämme und Behausungen dürfen nicht beschädigt oder zerstört werden. Wenn Gefahr im Verzug ist oder besondere Umstände es erforderlich machen, können in Abstimmung und mit Genehmigung der uNB gezielte Maßnahmen durchgeführt werden.
Die Ausbreitung der Biber verläuft maßgeblich über das Abwandern von Jungtieren, die nach etwa zwei Jahren „ihr Elternhaus“ verlassen. Sie gehen auf Partnersuche und legen dabei oft lange Strecken zurück. War die Partnersuche erfolgreich, lässt sich das Paar längerfristig nieder. Aber auch wandernde Singles beziehen über den Winter ein – meist temporäres – Quartier.
Der Biber hat keine hohen Grundansprüche an ein potentielles Revier. Grundsätzlich sind genügend Nahrungsvorkommen und die Möglichkeit, eine Behausung mit geschütztem Zugang unter Wasser zu bauen, ausreichend. Als wahrer Ökosystem-Ingenieur werkelt er kontinuierlich an der Optimierung seines Domizils – und verwandelt seine Umwelt damit oft nachhaltig.
Während Wohnhöhlen und Röhren im Uferbereich lange oft unentdeckt bleiben, sind es meist die unverkennbaren Spuren an Gehölzen, die auf ein Bibervorkommen aufmerksam machen. Ausgestattet mit stetig nachwachsenden Schneidezähnen rückt der Biber bevorzugt Weichhölzern wie Weide und Pappel zu Leibe. Andere Baum- und Straucharten in Gewässernähe nutzt er aber auch je nach Angebot. Einerseits benötigen die Tiere das Holz als Baumaterial für Dämme an Fließgewässern oder für Wohnbauten – so genannte Biberburgen. Auf der anderen Seite ist die nährstoffreiche Schicht unterhalb der Baumrinde (Kambium) die wichtigste Nahrungsquelle im Winter, wenn sonstige Pflanzennahrung für die reinen Vegetarier schwer zu bekommen ist.
Ab dem Herbst nehmen Fraßspuren und Baumfällungen immer mehr zu, wenn sich die Biber Futterreserven aus frischen Zweigen – so genannte Nahrungsflöße – unter Wasser deponieren. Dort bleiben sie über den Winter frisch und stets verfügbar. Da Biber keinen Winterschlaf halten, kann es aber auch bis ins Frühjahr weiter zu neuen Fällungen kommen.
PM LVL



