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Verschiedenes

Siebzehn Cent Glück

Die Glosse von Micha Haudrauf

Montag, 11:57 Uhr, Tankstelle an der Ausfallstraße. Herr Krüger steht neben seinem Kombi, den Zapfhahn in der einen Hand, das Handy mit der Spritpreis-App in der anderen. Er tankt nicht. Er wartet. Hinter ihm hupt einer. Herr Krüger hupt nicht zurück, er hat die Hände voll. Um 11:59 Uhr fließen die ersten Liter. Um 12:00 Uhr klackert die Preistafel über ihm wie ein einarmiger Bandit in Las Vegas, nur dass hier immer die Bank gewinnt. Plus neun Cent. Herr Krüger hat 31 Liter zum alten Preis geschafft. Er fühlt sich wie ein Bankräuber.

Seit dem 1. Oktober gibt es wieder Tankrabatt. Wieder, weil es im Mai schon einen gab. Der war offenbar so ein Erfolg, dass man ihn jetzt neu verfilmt. Tankrabatt 2 – Diesmal ist es persönlich. Gleiche Handlung, gleiche Besetzung: Der Staat verzichtet auf rund 17 Cent pro Liter, an der Zapfsäule kommen beim letzten Mal 13 an, und die restlichen vier Cent verdunsten irgendwo zwischen Raffinerie und Rüssel. Das Bundeskartellamt hat das nachgerechnet und ist darüber sehr besorgt. So besorgt, wie man eben ist, wenn man nachrechnet.

Man stelle sich das im Supermarkt vor. „17 Cent Rabatt auf Butter!“ steht auf dem Schild. An der Kasse werden 13 abgezogen. „Der Rest“, sagt die Kassiererin, „ist im Kühlregal hängengeblieben.“ Bei Butter gäbe es einen Aufstand. Bei Benzin gibt es eine Pressemitteilung.

Apropos Supermarkt. In der Gemüseabteilung liegt eine Gurke aus Spanien. Sie hat mehr Autobahnkilometer hinter sich als mein Fahrrad in fünf Jahren und kostet inzwischen so viel wie früher ein Pfund Kaffee. Die Gurke kann nichts dafür. Sie ist mit einem Lkw gekommen, der Diesel getankt hat, als der Diesel noch teurer war als teuer. Jetzt ist der Diesel wieder ein bisschen billiger, die Gurke aber nicht. Preise steigen bekanntlich mit dem Fahrstuhl und sinken über die Treppe. Bei Lebensmitteln ist der Zugang zurTreppe abgeschlossen, und den Schlüssel hat der Hausmeister mit in den Urlaub genommen.

Mein Bäcker hat die Brötchen um fünf Cent erhöht. „Mehl, Strom, Lieferwagen“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Ich frage, ob sie jetzt wieder billiger werden, wo der Lieferwagen doch mit Rabatt tankt. Er lacht. Ich frage, was im Januar passiert, wenn der Rabatt ausläuft. Er hört auf zu lachen und schreibt schon mal ein neues Preisschild.

Irgendwo in Berlin sitzt derweil ein Mann im Finanzministerium vor einer Excel-Tabelle und faltet die Hände. Auf jeden Liter Sprit kommt Energiesteuer, und auf die Energiesteuer kommt Mehrwertsteuer. Steuer auf Steuer, die Matroschka des Fiskus. Je teurer der Sprit, desto fröhlicher klingelt es. Bei der Gurke verdient er übrigens auch mit. Und beim Brötchen. Der Staat ist sozusagen stiller Teilhaber an jedem Frühstück in Lemgo. Der Tankrabatt funktioniert also so: Der Staat nimmt dir zwei Euro aus der Tasche, steckt dir siebzehn Cent zurück und lässt sich in der Tagesschau dafür als Wohltäter filmen. Die vier Cent, die unterwegs verdunsten, bekommen einen Untersuchungsbericht.

Am 17. Oktober beginnen in NRW die Herbstferien. Die Mineralölkonzerne haben das Datum im Kalender rot angestrichen, gleich neben Ostern, Pfingsten und „Montag, 12 Uhr“.

Herr Krüger ist inzwischen zu einer Tankstelle in der Nachbarstadt gefahren, weil die laut App 4 Cent günstiger ist. Hin und zurück 24 Kilometer. Er hat 2,10 Euro gespart und 2,40 Euro verfahren. Er sagt, es gehe ihm ums Prinzip.

Am 31. Dezember endet der Tankrabatt. Experten rechnen damit, dass die Preise dann um 17 Cent steigen. Pünktlich. Ganz ohne Verdunstung.

Der Autor fährt ein Damenrad ohne Motor und tankt ausschließlich Kaffee. Dessen Preis ist übrigens auch gestiegen. Transportkosten, sagt man ihm.

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Michael Haudrauf

Micha Haudrauf ist Experte für ungefragte Meinungen und diplomatisches Porzellan-Zerschlagen. Er analysiert Lemgo mit der Präzision eines Vorschlaghammers. Er kam, sah und gab seinen Senf dazu. Alles mit Augenzwinkern! More »
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