Alles halb so wild – oder doppelt so schlimm
Die Glosse von Micha Haudrauf
Es gibt in diesem Land zwei Lager, und nein, ich meine nicht links und rechts, oben und unten oder Bier und Wein. Ich meine die Schönredner und die Schlechtredner. Beide sind sich in exakt einem Punkt einig: Der jeweils andere hat keine Ahnung.
Der Schönredner erkennt in einem Schlagloch eine „Chance zur Entschleunigung“. Der Schlechtredner sieht in einem frisch sanierten Radweg den Vorboten des Untergangs der Automobilnation. Zwischen ihnen klafft ein Abgrund, über den keine Brücke führt – es sei denn, man baut eine, und dann meckert der eine über die Bauzeit und der andere lobt die „dynamische Terminanpassung nach oben“.
In der Politik
Sehr beliebt ist das Spiel in Berlin. Wer kritisiert wird, ruft reflexartig: „Alles wird schlechtgeredet!“ Das ist bequem, denn es erspart die Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Kritik. Warum auf Argumente eingehen, wenn man den Kritiker einfach zum professionellen Nörgler erklären kann?
Die Gegenseite wiederum malt den Teufel so ausdauernd an die Wand, dass selbst der Teufel irgendwann sagt: „Leute, SO schlimm bin ich nun auch wieder nicht.“
Die Wahrheit? Die liegt natürlich in der Mitte, aber in der Mitte steht bekanntlich niemand gern. Da wird man von beiden Seiten überfahren.
Man muss auch gar nicht nach Berlin schauen – die Kommunalpolitik beherrscht das Spiel genauso virtuos. Auch in unserer schönen Stadt Lemgo kennt man das Muster bestens: Wer einen Missstand benennt, betreibt „Stimmungsmache gegen die Stadt“. Wer hingegen jedes Bauprojekt, jede Haushaltslage und jede Ratsentscheidung in zuckrigen Optimismus taucht, betreibt „verantwortungsvolle Kommunikation und Transparenz“. Der Bürger steht dazwischen und fragt sich, ob er in derselben Stadt lebt wie die Leute am Ratstisch. Aber keine Sorge: Auch das ist vermutlich nur schlechtgeredet.
Im Sport
Nirgends blüht die Doppelmoral schöner als an der Seitenlinie. Der Trainer, dessen Mannschaft 0:4 verloren hat, sagt: „Wir haben über weite Strecken ein ordentliches Spiel gemacht.“ Über welche Strecken? Von der Kabine zum Anstoßkreis und zurück?
Und der Trainer des Tabellenletzten, der 1:0 gewonnen hat, warnt: „Wir dürfen jetzt nicht in Euphorie verfallen.“ Keine Sorge, Trainer, bei drei Punkten in zwanzig Spielen ist die Euphorie-Gefahr überschaubar.
Wer genau hinhört, bemerkt: Im Fußball wird nie verloren. Es werden „Lehrgeld gezahlt“, „Erfahrungen gesammelt“ und „Entwicklungsschritte gegangen“. Nur blöd, dass die Entwicklungsschritte manchmal direkt von der Bundesliga in die Regionalliga führen.
Im Alltag
Aber halt – bevor wir mit dem Finger auf Politik und Sport zeigen: Wir alle sind nicht besser. Die Kollegin, die ihren chaotischen Schreibtisch als „kreatives Ordnungssystem“ verkauft, ist eine Schönrednerin. Der Nachbar, der bei 25 Grad und Sonnenschein murmelt „Das gibt bestimmt noch Gewitter“, ist ein Schlechtredner.
Der Schönredner nennt seine Bruchbude „Altbau mit Charakter“. Der Schlechtredner nennt den Neubau nebenan „seelenlosen Betonklotz“. Und beide schauen aus dem Fenster auf dieselbe Straße – nur durch verschiedene Brillen. Die eine rosarot, die andere so dunkel getönt, dass man sich fragt, ob der Träger überhaupt noch die Bordsteinkante sieht.
Die Lösung?
Es gibt keine. Denn wer eine vorschlägt, dem wird vom einen Lager vorgeworfen, er rede die Problemlage schön, und vom anderen, er rede die Lösungskompetenz schlecht.
Ich persönlich halte mich raus. Ich sage nur: Es ist alles halb so wild.
Oder doppelt so schlimm.
Je nachdem, wen Sie fragen.
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