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Wenn Narben sichtbar werden: Das Weserrenaissance Schloss Brake verbindet Kunst, Medizingeschichte und persönliche Schicksale

Lemgo. Im Fundus von Schloss Brake liegen historische Gewänder, Perlen, Handschuhe und weitere Requisiten bereit. Schon bald werden Menschen hineinschlüpfen, die etwas zeigen wollen, was viele Betroffene lieber verbergen: die Spuren einer Krebserkrankung. Aus einer ursprünglich geplanten Fotoausstellung ist im Weserrenaissance-Museum ein Projekt entstanden, das persönliche Schicksale, Kunst und Medizingeschichte miteinander verbindet.

Nadine Marga-Fahrenkamp,
Kolja Thomas, Sabine Mirbach
und Silvia Herrmann v.l.

Initiatorin ist Sabine Mirbach, die sich seit Jahren in Lippe für Krebsvorsorge und Früherkennung engagiert. Eigentlich wollte sie ihre bestehende Porträtreihe im Museum zeigen. Im Gespräch mit Museumsleiterin Silvia Herrmann entwickelte sich daraus jedoch deutlich mehr. Gemeinsam entstand die Idee, die Fotografien mit einer Ausstellung zur Medizingeschichte („Staying Alive – Medizingeschichte mit Risiken und Nebenwirkungen“) zu verbinden und so einen historischen Bogen bis in die Zeit der Weserrenaissance zu schlagen.

Unter dem Titel „Gib dem Krebs dein Gesicht“ stehen erneut Menschen im Mittelpunkt, die an Brustkrebs erkrankt sind. In stilvollen Boudoir-Aufnahmen zeigen sie ihre Narben und die sichtbaren Folgen der Krankheit ganz bewusst. Für Mirbach passt das hervorragend zum Ausstellungsort. Die Renaissance stehe für Erneuerung – und genau dafür stünden auch die Bilder. „So wie die Renaissance für Erneuerung steht, symbolisieren die Bilder das Leben vor und nach der Diagnose, weil für jeden Patienten ein Leben davor und danach beginnt.“

Fotografiert werden die Teilnehmer von Nadine Marga-Fahrenkamp aus Bad Salzuflen. Seit vier Jahren begleitet sie das Projekt und erlebt immer wieder, wie viel Vertrauen während der Shootings entsteht. Anfangs sei sie selbst überrascht gewesen, „wie leicht es den Betroffenen dann doch gefallen ist, sich zu öffnen“, erzählt die Fotografin.

Dabei gehe es längst nicht nur um schöne Bilder. Viele Betroffene müssten nach Operationen und Therapien ihren Körper neu kennenlernen und lernen, die Veränderungen anzunehmen. Die Fotos könnten dabei helfen, einen neuen Blick auf sich selbst zu entwickeln. Immer wieder beobachte sie, wie sich Teilnehmer im Laufe der Zeit verändern. Frauen, die sich vor anderthalb Jahren kaum getraut hätten, ihre Narben zu zeigen, gingen heute deutlich selbstbewusster damit um. „Da passiert schon sehr, sehr viel.“

Dass Brustkrebs nicht ausschließlich Frauen betrifft, zeigt die Ausstellung ebenfalls. Einer der Teilnehmer ist Kolja Thomas, dessen Diagnose inzwischen zwölf Jahre zurückliegt. Was zunächst wie ein harmloser Eingriff aussah, entwickelte sich zu einem hochaggressiven Brustkrebs. Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung.

Für ihn stand schnell fest, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Für mich war klar, man muss das publik machen. Als Mann ist es wichtig, dass man das weiter publiziert, damit auch Männer wissen, dass sie betroffen sein können.“ Gerade weil nur etwa jede hundertste Brustkrebsdiagnose einen Mann betrifft, werde die Erkrankung häufig erst spät erkannt. Viele Männer brächten Brustkrebs schlicht nicht mit sich selbst in Verbindung.

Neben der Aufklärungsarbeit freut sich Kolia aber auch auf die besondere Kulisse im Schloss Brake. Mit einem Schmunzeln sagt er über das bevorstehende Fotoshooting in historischen Gewändern: „Das wird jetzt spannend werden.“

Für Museumsleiterin Silvia Herrmann war schnell klar, dass die Ausstellung inhaltlich zum Weserrenaissance-Museum passen muss. Die Idee habe sie von Anfang an überzeugt. Gemeinsam sei nach einer Verbindung zwischen den persönlichen Schicksalen und der Geschichte der Medizin gesucht worden. „Wir haben unsere Köpfe zusammengesteckt, um zu zeigen, wie relevant dieses Thema damals wie heute ist.“

Für die Aufnahmen öffnete das Museum seinen Fundus. Die Teilnehmer wurden unter anderem mit historischen Kostümen, Handschuhen, Perlen und Tulpen ausgestattet. Gerade Tulpen galten während der Renaissance als wertvolle Luxusgüter und unterstreichen den historischen Bezug der Fotografien.

Bei Recherchen zur Ausstellung stieß das Team zudem auf ein bemerkenswertes kunsthistorisches Detail. Auf Michelangelos weltberühmtem Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle vermuten Experten bei einer weiblichen Figur eine der frühesten Darstellungen von Brustkrebs. Die Verbindung zwischen Kunst und Krankheit reicht damit viele Jahrhunderte zurück.

Bei aller künstlerischen Gestaltung soll die eigentliche Botschaft jedoch nicht in den Hintergrund geraten. Für Sabine Mirbach bleibt die Früherkennung der wichtigste Aspekt. „Vorsorge ist immer besser als Nachsorge.“ Obwohl die gesetzlichen Krankenkassen kostenlose Screening-Programme anbieten und die Altersgrenzen inzwischen erweitert wurden, nehme nur etwa ein Drittel der Berechtigten diese Möglichkeit wahr.

Dabei sei Brustkrebs heute im Frühstadium häufig gut behandelbar oder sogar heilbar. Deshalb appelliert Mirbach an Frauen und Männer gleichermaßen, Veränderungen oder Verhärtungen ernst zu nehmen und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig einen Arzt aufzusuchen.

Ab dem 11. Oktober startet das Projekt mit einer Vernissage im Weserrenaissance-Museum Schloss Brake. Für Besucher öffnet die Ausstellung am 13. Oktober ihre Türen.

Zu sehen sind zwei Ausstellungen unter einem Dach. Im „Freiraum“ präsentiert das Museum die Fotografien von Nadin Mager-Fahrenkamp. Parallel dazu zeigt die Kabinettausstellung „Staying Alive – Medizingeschichte mit Risiken und Nebenwirkungen“ im historischen Schlossgewölbe die Entwicklung der Medizin von der Renaissance bis heute. Zu den Exponaten gehören unter anderem eine Pestmaske, historische Gemälde sowie eine Handprothese aus dem Zweiten Weltkrieg im Vergleich zu einer modernen Hightech-Prothese.

Begleitet wird das Projekt von einer Vortragsreihe in Kooperation mit dem Klinikum Lippe. Geplant sind zehn bis zwölf Veranstaltungen zu Themen wie Herzinfarkt, Parkinson, Rückenleiden und Brustkrebs.


Service-Box: Weserrenaissance-Museum Schloss Brake

Aktuelle Ausstellungen & Angebote:

  • Sonderausstellungen (ab Oktober): „Gib dem Krebs dein Gesicht“ (Fotoausstellung im Freiraum) sowie „Staying Alive – Medizingeschichte mit Risiken und Nebenwirkungen“ im Schlossgewölbe. Vernissage: Sonntag, 11. Oktober. Für die Öffentlichkeit geöffnet ab Dienstag, 13. Oktober 2026.
  • Historische Schlossfotografien (1900–1924): Eine faszinierende Reise in die Vergangenheit mit Aufnahmen aus dem Stadtarchiv Lemgo.
  • Dauerausstellung: Eine interaktive Erlebnistour, die die Besucher rund 400 Jahre zurück in die glanzvolle Epoche der Weserrenaissance entführt.
  • DiMiDo-Ferienspaß für Kinder: Kostenfreie, abwechslungsreiche Workshops an den Ferientagen (Dienstag, Mittwoch und Donnerstag). Wichtig: Da die Plätze heiß begehrt sind, ist eine vorherige Anmeldung unbedingt erforderlich!

Öffnungszeiten:

  • Dienstag bis Sonntag: 10:00 bis 18:00 Uhr
  • Feiertage: An Feiertagen hat das Museum auch montags für Besucher geöffnet.
  • Schließtage: Am 24. und 25. Dezember sowie am 31. Dezember und am 1. Januar bleibt das gesamte Museum geschlossen.

Eintrittspreise:

  • Dauerausstellung: € 5,- pro Person (Gruppen ab 12 Personen zahlen € 3,50 pro Person).
  • Sonderausstellung: € 7,- pro Person (Achtung: Nur in Kombination mit dem Ticket für die Dauerausstellung erhältlich).
  • Freier Eintritt: Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Mitglieder des Freundeskreises besuchen das Museum kostenfrei!
  • Ermäßigt: Studenten, Arbeitslose und Schwerbehinderte zahlen € 3,50.

Barrierefreiheit & Anreise:

  • Das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake ist vollständig barrierefrei.
  • Sämtliche Ausstellungsräume sind für Rollstuhlfahrer problemlos zugänglich (ausgenommen sind lediglich die historische Schlosskapelle sowie der Schlossturm).
  • Für eine bequeme Anreise stehen im Schlossinnenhof zwei speziell ausgewiesene Parkplätze für Rollstuhlfahrer zur Verfügung.

Kontakt & Adresse:

Telefon (Museumskasse): 05261 / 2502190

Anschrift: Schlossstraße 18, 32657 Lemgo

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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