Lemgoer holt die doppelte Quali: Nizza und Hawaii
Die außergewöhnliche Sportler-Vita des Mario Radevic
Neun Uhr morgens, Eisdiele Venezia in der Lemgoer Innenstadt. Der Espresso dampft, Rosario poliert Gläser, draußen öffnen die ersten Geschäfte. Mario Radevic sitzt entspannt am Tisch, die Hände um die Tasse gelegt, und erzählt eine Geschichte, die so eigentlich nicht im Drehbuch stand: Wie aus einem Kreisliga-Kicker aus dem Extertal ein Triathlet wurde, der dieses Jahr gleich zweimal bei den ganz Großen startet – bei der Ironman 70.3 World Championship in Nizza und bei der Ironman World Championship auf Hawaii.
„Stur bleiben hilft“, sagt er und grinst. Ein Satz, der seine Geschichte ziemlich gut auf den Punkt bringt.
Zwei Tickets, zwei Welten
Nizza und Kona – unterschiedlicher geht kaum. Nizza ist die Mitteldistanz: 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Rad, 21,1 Kilometer Laufen. Bergig, technisch, landschaftlich atemberaubend und trotzdem unbarmherzig. Hawaii ist die Langdistanz: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad, 42,2 Kilometer Laufen. Hitze, die sich anfühlt wie eine Wand, Wind, der einen vom Rad schiebt, Salz auf der Haut.

„Kailua-Kona ist landschaftlich ehrlich gesagt nicht spektakulär“, sagt Mario und dreht die Tasse in den Händen. „Lavafelder, monotone Straße, kaum Zuschauer auf der Strecke. Aber die Atmosphäre ist einzigartig. Zehn Tage lang dreht sich der ganze Ort nur um diesen Sport. Der Bäcker, die Tankstelle, jedes Gespräch – alles ist Triathlon. Das trägt dich.“ 2019 war er schon dort, zusammen mit seinem Kumpel Eike Distelkamp.
Der Weg zur diesjährigen Doppel-Quali war allerdings kein Spaziergang. In Malaysia warf ihn eine schwere Lebensmittelvergiftung aus dem Rennen. Nach 70 Radkilometern war endgültig Schluss – übergeben am Straßenrand, leere Speicher, Aufgabe. Ein Tiefschlag, der sich anfühlt wie Monate verlorene Vorbereitung. Doch noch in derselben Nacht buchte seine Frau kurzerhand den nächsten Versuch: Cozumel, Mexiko. Dort klappte es, das Kona-Ticket war in der Tasche. Wenige Wochen später folgte Cambridge in den USA: Startrecht für die 70.3-WM in Nizza gesichert. Zwei Haken hinter zwei große Ziele.
Der emotionalste Moment kam im Zielkanal von Nizza. 30 Grad, flirrende Luft, die letzten Meter der Rampe, völlig leer im Tank – und plötzlich steht seine Frau im abgesperrten Bereich. Er hatte ihr und der Tochter VIP-Tickets besorgt, damit sie es bei der Hitze bequemer haben. Dass diese Tickets bis in den Zielkanal reichen, wusste er nicht.
„In dem Moment wurde mir schlagartig klar, wem ich das alles verdanke“, sagt Mario, und seine Stimme wird leiser. „Das Training, die Wochenenden, die Entbehrungen – das stemmt nicht einer allein. Ohne sie und die Kinder wäre nichts davon möglich.“
Vom Extertal in die Welt – und wie alles begann
Die Anfänge klingen nach ganz normaler Dorfgeschichte. Aufgewachsen im Extertal, Fußball in der Kreisliga, später Studium in Bielefeld. Dort wird Laufen zum pragmatischen Ersatz für die langen Fahrten zum Fußballtraining in der Heimat – nicht aus Leidenschaft, sondern aus Logistik.
Dann passiert das, was Mario heute mit einem Kopfschütteln erzählt: Ein Kumpel meldet sie beide „für einen Marathon“ an. Mario hat zu diesem Zeitpunkt null Ahnung von der Laufszene, keine Erfahrung mit Distanzen jenseits des Fußballplatzes, keinen Plan, was auf ihn zukommt. Erst am Startort stellt sich heraus: Es ist gar kein normaler Marathon. Es ist der Schwäbisch Gmünd Wege-Ultra – 55 Kilometer Trail, über 2.000 Höhenmeter, durch Wald und Geröll.
„Ich hatte wirklich keine Vorstellung davon, was das bedeutet“, sagt Mario. „Ich bin einfach losgelaufen.“
Zwei Tage vor dem Start wird der Kumpel krank. Mario steht allein an der Linie – ohne Erfahrung, ohne Trainingsplan, ohne jemanden, der ihm sagt, wie man sich das einteilt. Nach gut fünfeinhalb Stunden ist er im Ziel, die letzten 15 Kilometer im reinen Wanderschritt, mehr Überlebenskampf als Laufen. Es ist seine erste echte Grenzerfahrung. Und der Moment, in dem etwas Feuer fängt.
Im selben Winter liegt das Buch von Andreas Niedrig unterm Weihnachtsbaum. Niedrig, der ehemalige Drogenabhängige, der sich zum Ironman-Finisher kämpfte – seine Geschichte packt Mario. 50 Seiten über den Mythos Hawaii, und die Sache ist entschieden. Studiengeld wird zusammengekratzt und in ein Rennrad investiert. Ohne Verein, ohne Coach, ohne Trainingsplan beginnt er, sich allein durchzuwursteln. Zwei Jahre lang.
„Ich hatte niemanden, der mir gesagt hat, wie man das macht“, erzählt er. „Ich bin einfach raus und habe trainiert. Keine Ahnung von Periodisierung, von Erholung, von Herzfrequenzzonen. Einfach Kilometer fressen und hoffen, dass es reicht.“
Das Roth-Desaster – oder: Der Mann mit dem Hammer
Irgendwann kommt der erste große Start: Challenge Roth, das legendäre Langdistanz-Rennen in Franken. Tausende Zuschauer, Gänsehaut-Atmosphäre, einer der größten Triathlons der Welt. Mario ist voller Zuversicht. Vielleicht ein bisschen zu voll.
„Ich habe meiner Familie eine Zeit genannt, wann ich im Ziel sein werde“, erzählt er und muss selbst lachen. „Ich konnte damals 10 Kilometer in etwa 50 Minuten laufen. Also habe ich das hochgerechnet: Nach fünf Stunden Radfahren noch 3:30 Stunden für den Marathon, fertig. Klang logisch.“
Die Rechnung ging nicht auf. Nach etwa 25 Kilometern auf der Laufstrecke kam der Einbruch. Nicht langsam, nicht schleichend – plötzlich. Der berüchtigte „Mann mit dem Hammer“, vor dem erfahrene Triathleten warnen, klopfte an. Und er klopfte nicht höflich. „Vom Kopf her willst du laufen, aber die Beine machen einfach nicht mehr mit“, erinnert sich Mario. „Das kann sich kein normaler Mensch vorstellen. Du siehst das Ziel, du weißt, es sind nur noch ein paar Kilometer, aber dein Körper sagt: Nein.“
Seine Familie wartete am Ziel. Und wartete. Und wartete.
Nach 12 Stunden und 36 Minuten schleppte er sich über die Linie. Statt der angekündigten Traumzeit eine Tortur, die er bis heute nicht vergessen hat. Aber auch eine Lektion: Die Langdistanz ist keine Mathematik-Aufgabe. Sie ist ein Kampf gegen den eigenen Körper – und vor allem gegen den Kopf. „Roth hat mir gezeigt, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, was ich da tue“, sagt Mario. „Aber es hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil.“
Der Wendepunkt – Struktur, Technik und zehn Kilo weniger
Nach den chaotischen Anfangsjahren kommt der Profi-Schliff. Der Wendepunkt hat einen Namen: Ute Mückel. Die ehemalige Profitriathletin und erfahrene Trainerin nimmt ihn unter ihre Fittiche. Plötzlich gibt es Struktur: Trainingspläne, Periodisierung, gezielte Belastung und Erholung. Mario startet fortan für das Tri Team Gütersloh.
Beim ersten wirklich systematisch vorbereiteten Wettkampf in Gütersloh passiert etwas Unerwartetes: Er liegt zwischenzeitlich in Führung. Am Ende wird er Zweiter – und versteht zum ersten Mal, was möglich ist. „Ich hatte vorher keinen Vergleich“, sagt er. „Keine Ahnung, wo ich stehe. Und dann merkst du plötzlich während des Rennens: Du bist ganz vorne dabei. Das war ein Aha-Erlebnis.“
Aber Struktur allein reicht nicht. Zwei weitere Faktoren verändern alles:
Erstens: Technik und Effizienz. Durch seine Arbeit in der Werkstatt – 5inline Motorsport an der Lageschen Straße in Lemgo, wo er mit Partner Jens Levyn Autos auf bis zu 1.200 PS trimmt – hat Mario ein Gespür für Physik entwickelt. Luftwiderstand, Effizienz, Millimeter, die den Unterschied machen. Früher hat er das „Materialrennen“ im Triathlon belächelt. Heute weiß er es besser. „Wenn die Ersten in deiner Altersklasse anfangen, im Windkanal zu optimieren und Zehntausende ins Material zu stecken, kannst du das nicht mehr wegtrainieren“, sagt er. „Das ist pure Physik. Also habe ich mitgezogen: Sitzposition optimiert, Windkanal-Tests, Neoprenanzug, Laufschuhe – alles.“
Zweitens: Ernährung. Mario stellt seine Ernährung radikal um und reduziert sein Körpergewicht von 72 auf 62 Kilo. Zehn Kilo weniger, die er nicht mehr die Berge hochschleppen muss.
„Das war ein absoluter Game Changer“, sagt er. „Weniger Gewicht am Berg, bessere Kühlung bei Hitze, stabilere Splits auf dem Rad und beim Laufen. Ich bin derselbe Athlet wie vorher – nur ohne Rucksack.“
Alltag um 4:45 – zwischen Prüfstand und Pool
Ein normaler Tag im Leben von Mario Radevic beginnt, wenn andere noch schlafen. Dienstags klingelt der Wecker um 4:45 Uhr: Schwimmen im Eau-Le, drei bis vier Kilometer Kacheln zählen, bevor die Stadt aufwacht. Dann 50 bis 55 Stunden Arbeit in der Woche – Motorsport-Unternehmer, Kundengespräche, Autos auf dem Prüfstand. Die Mittagspause wird zur Laufeinheit, das Rad steht oft schon in der Werkstatt bereit für den Feierabend. In guten Wochen kommen 15 bis 20 Trainingsstunden zusammen.
„Das steht und fällt mit der Familie“, sagt Mario. „Meine Frau übernimmt 80 Prozent der Kinderlogistik, wenn ich am Wochenende fünf Stunden auf dem Rad sitze. Ihr Vater war Radprofi, sie versteht den Sport. Aber ohne ihr Verständnis und ihre Unterstützung würde das Ganze im Streit enden.“
Wenn es während eines Rennens hart wird, sortiert er die Schmerzen. Medizinische Signale – Krämpfe, Kreislauf – bedeuten Abbruch, keine Diskussion. Der innere Schweinehund ist etwas anderes.
„Wenn es nur der Kopf ist, der aufgeben will, dann schalte ich um“, sagt er. „Ich denke an die Stunden, die meine Frau investiert hat. An die Wochenenden, die die Kinder ohne mich verbracht haben. Das verbrate ich nicht leichtfertig.“
Locker macht schnell
Triathlon kann einsam machen. Stundenlang allein trainieren, früh aufstehen, spät ins Bett, wenig Raum für spontane Verabredungen. Bei manchen Athleten führt das zum Tunnelblick. Die sozialen Antennen werden stumpf, die Freude weicht dem Funktionieren.
Mario kennt das. Er war selbst auf diesem Weg. Dann stellte sein Kumpel Eike Distelkamp – mit dem er 2019 gemeinsam auf Hawaii startete – eine einfache Frage: „Warum machst du das eigentlich, wenn du keinen Bock mehr hast?“ „Das hat gesessen“, sagt Mario. „Ich hatte vergessen, dass das hier ein Privileg ist. Wir dürfen diesen Sport machen. Nicht jeder kann sich das leisten – zeitlich, körperlich, finanziell. Seitdem versuche ich, die Dankbarkeit nicht zu vergessen.“
Die Lockerheit kam zurück. Und paradoxerweise wurde er schneller. Weniger Verkrampfung, bessere Rennen. „Wenn du mit Freude an den Start gehst, holst du mehr raus“, sagt er. „Das klingt wie ein Kalenderspruch, aber es stimmt.“
Die Zahlen
Die Bilanz liest sich mittlerweile wie ein sauber geführtes Werkstatt-Protokoll:
- Ironman Texas: 9:42:07 (Schwimmen 1:03, Rad 4:51, Lauf 3:39)
- Ironman Arizona: 9:55:28
- Ironman Frankfurt: 10:33:11 (Hitzeschlacht)
- Cologne 226 (2015): 9:08 – damals seine schnellste Zeit auf deutschem Boden
- Taiwan: 9:11
- Ironman 70.3 Kraichgau: 4:48:58 (Halbmarathon in 1:36)
- Ironman Maryland: 40er-Radschnitt über 180 Kilometer
- Ziel: Sub 9
„Bestzeiten sind Momentaufnahmen“, sagt Mario. „Kurs, Wetter, Tagesform – alles muss passen. Entscheidend ist, ob du an dem Tag das Maximum aus dir rausgeholt hast. Wenn ich das mit Ja beantworten kann, bin ich zufrieden – egal, was auf der Uhr steht.“
Und jetzt?
Jetzt beginnt die heiße Phase. Für Nizza heißt das: Linienwahl in den Kurven, Rhythmus am Berg, Geduld, wenn die Beine schreien. Für Hawaii: Hitzemanagement, Ernährungsdisziplin, Demut vor dem Wind auf dem Queen K Highway. „Am Ende will ich nur eins sagen können“, sagt Mario und stellt die leere Espressotasse ab. „Von dem, was heute abrufbar war, habe ich das Maximum rausgeholt. Dann bin ich zufrieden – egal, wie viele vor mir ins Ziel gekommen sind.“
Rosario nickt von der Theke. Draußen ist Vormittag in Lemgo. Drinnen sitzt einer, der weiß, was er kann, was es kostet – und wem er es verdankt.
Nizza und Kona können kommen. Lemgo drückt die Daumen.
Eine Reportage von Michael John Pitt
Dir gefällt unser täglicher Einsatz für Lemgo? Dann unterstütze meine Arbeit hier mit einem virtuellen Kaffee für den Redakteur – oder einem Kauknochen für Redaktionshund Bolle! 🐾
🦴 Kauknochen oder Kaffee spendieren



