Die magische Geldvermehrung: Einmal Goldregen, bitte!
Die Glosse
Kennen Sie das auch? Man sitzt im Ausschuss, die Stirn in Falten gelegt, weil das neue Projekt – sagen wir: eine selbstreinigende Parkbank mit WLAN-Anschluss – das Stadtsäckel sprengen würde. Die Stimmung ist gedrückt, bis plötzlich einer diesen magischen Satz sagt, der alle Sorgen wegwischt wie ein nasser Schwamm die Kreide von der Tafel: „Aber dafür gibt es doch Fördergelder!“
Plötzlich hellen sich die Mienen auf. „Fördergelder“ – das klingt nach Manna, das direkt aus Brüssel, Berlin oder Düsseldorf auf unsere schöne Hansestadt herabregnet. Es ist das moderne Äquivalent zum „Tischlein-deck-dich“. Bund, Land, EU – alle scheinen nur darauf zu warten, dass wir endlich eine Idee haben, für die sie ihre prallen Tresore öffnen dürfen.
Der Haken an der Sache? Wer A sagt wie „Antrag“, muss auch B sagen wie „Bürokratie-Burnout“.
Denn Fördergelder gibt es selten für das, was man wirklich braucht (wie etwa ein Schlagloch zu flicken), sondern nur für das, was gerade „en vogue“ ist. Wer heute Geld will, baut kein einfaches Bushäuschen mehr. Nein, man errichtet ein „intermodales Mobilitäts-Hub mit biodiverser Dachbegrünung und partizipativer Lichtinstallation“.
Und während man in der Sitzung noch vom Geldregen träumt, sitzt im Keller des Rathauses vermutlich schon ein Mitarbeiter und füllt ein 84-seitiges Formular aus, in dem er nachweisen muss, dass die Parkbank auch die regionale Insektenpopulation nicht diskriminiert. Am Ende kostet die Verwaltung des Fördergeldes oft mehr als das Projekt selbst – aber hey, es war „quasi umsonst“!
Der „Goldene Reiter“ der Zweckgebundenheit
Das Schönste an diesen Fördertöpfen ist ja ihre unerbittliche Präzision. Wer glaubt, man könne das Geld einfach dort ausgeben, wo der Schuh drückt, hat das System nicht verstanden. Fördergeld ist wie ein Gutschein, den man nur am dritten Dienstag im Monat für lila gestreifte Socken einlösen darf.
Braucht die Schule dringend neue Kloschüsseln? Pech gehabt, dafür gibt es gerade kein Programm. Aber wenn die Stadt die Toiletten als „multimodale Erlebnisräume zur Förderung der sanitären Digitalisierung“ deklariert und einen QR-Code an jede Kabinentür klebt, dann – ja dann – öffnet sich das Füllhorn in Düsseldorf oder Berlin ganz weit.
Man nennt das dann „Zweckgebundenheit“. In der Praxis führt das dazu, dass wir in der Stadt bald überall High-Tech-Lösungen für Probleme haben, die wir ohne das Fördergeld gar nicht erst gehabt hätten. Während das Dach der Turnhalle leckt, leuchtet davor eine solarbetriebene Infostele, die uns in Echtzeit anzeigt, wie feucht es drinnen gerade ist. Ein Geniestreich der kommunalen Finanzplanung!
Die Angst vor der „Einfachheit“
Besonders kritisch wird es, wenn ein Projekt zu vernünftig klingt. „Wir bauen eine Brücke, damit man von A nach B kommt“? Viel zu simpel. Damit gewinnt man keinen Blumentopf im Ministerium. Man muss die Brücke schon als „klimaresiliente Nord-Süd-Verbindung zur Stärkung des nicht-motorisierten Individualverkehrs unter Berücksichtigung lokaler Flora-Fauna-Habitate“ verkaufen.
Und wehe, man ändert während der Bauphase auch nur die Farbe einer Schraube! Wer Fördergelder nimmt, unterschreibt einen Pakt mit dem Teufel – oder schlimmer: mit dem Rechnungsprüfungsamt. Werden die Richtlinien nicht bis auf das letzte Komma eingehalten, droht die Rückzahlung. Und so stehen wir dann da, mit einer wunderbaren, hochgeförderten Parkbank, die wir am Ende doch selbst bezahlen müssen, weil der WLAN-Router darin versehentlich zwei Millimeter zu weit links montiert wurde.
Aber Kopf hoch: Die nächste Ausschusssitzung kommt bestimmt. Und wenn dann wieder jemand ruft: „Dafür gibt es doch Fördergelder!“, dann wissen wir alle: Die Party geht los – wir müssen nur schnell die nächsten drei Jahre unseres Lebens für die Dokumentation einplanen.
Das Märchen vom „fremden“ Geld
Und dann ist da noch dieser hartnäckige sprachliche Trick, der uns in den Sitzungen so herrlich einlullt. Wenn wir von „Geldern vom Bund“ oder „Mitteln von der EU“ sprechen, klingt das fast so, als hätten wir im Lotto gewonnen oder eine Erbschaft von einem unbekannten Onkel aus Amerika angetreten. Es fühlt sich an wie ein Geschenk, das vom Himmel fällt – weit weg von der eigenen Tasche.
Doch werfen wir mal einen Blick hinter den Vorhang: Diese „Förder-Milliarden“ wachsen nicht im Brüsseler Stadtgarten und werden auch nicht in Berlin im Keller gedruckt. Es ist das Geld, das wir alle jeden Monat mühsam erwirtschaften. Es sind die Steuern des Bäckers von nebenan, die Abgaben der örtlichen Industriebetriebe und der Anteil vom Lohnzettel jedes Lemgoers.
Im Grunde schicken wir unser Geld auf eine teure Abenteuerreise: Erst wandert es nach Berlin oder Brüssel, wird dort von Heerscharen an Sachbearbeitern in komplizierte Töpfe sortiert, mit strengen Regeln versehen und kommt dann – abzüglich einer ordentlichen Verwaltungsgebühr für den bürokratischen Wasserkopf – als „gnädiges Fördergeschenk“ wieder bei uns an. Wir klatschen uns also begeistert selbst Beifall dafür, dass wir einen Bruchteil unseres eigenen Geldes zurückbekommen dürfen – sofern wir die Parkbank auch wirklich lila anstreichen, wie es das Programm vorschreibt.




