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Verschiedenes

Wenn Journalismus Vertrauen verspielt

Eine Betrachtung von Michael Pitt

Ein Beitrag der Berliner Zeitung hat mich heute Morgen nachdenklich gemacht. Unter der Frage „Warum verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen in die Medien?“ verweist die Zeitung auf eine Allensbach-Umfrage, nach der nur noch 22 Prozent der Bundesbürger der Berichterstattung vertrauen.

Der Kolumnist Peter Welchering sieht eine Ursache dafür in der journalistischen Ausbildung, die sich seiner Ansicht nach zunehmend von ihren handwerklichen Grundlagen entfernt hat. Er kritisiert mangelnde Recherchekompetenz, politische Voreingenommenheit und eine wachsende Vermischung von Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. Man muss nicht jede seiner Schlussfolgerungen teilen. In einem Punkt hat er aber recht: Vertrauen entsteht durch Handwerk. Wer sauber recherchiert und Nachricht und Meinung auseinanderhält, muss um seine Glaubwürdigkeit wenig fürchten. Für mich ist das ein guter Anlass, auch über unsere eigene Arbeit bei Mein-Lemgo nachzudenken.

Journalismus lebt davon, dass Menschen darauf vertrauen können, sachlich und unvoreingenommen informiert zu werden. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch genau hier ist einiges aus dem Gleichgewicht geraten. Journalisten sollen heute Haltung zeigen, einordnen und Orientierung geben. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Aber wo endet die journalistische Einordnung, und wo beginnt der Versuch, die Meinung der Leser in eine bestimmte Richtung zu lenken?

Diese Frage müssen sich auch die Lokalmedien stellen. Über die Jahre ist eine gründliche, ausgewogene Berichterstattung mancherorts in den Hintergrund gerückt. Und nicht immer hat man sich ernsthaft darum bemüht, auch diejenigen zu erreichen, die sich in der Berichterstattung nicht mehr wiederfinden. Wer das Vertrauen seiner Leser verliert, sollte die Ursachen nicht ausschließlich bei den Lesern suchen.

Mit dem Internet und den sozialen Netzwerken kam eine weitere Herausforderung hinzu. Aufmerksamkeit wurde messbar und Reichweite zu einer eigenen Währung. Dem kann sich kaum ein Medienhaus vollständig entziehen. Dabei ist die Frage, wie häufig eine Nachricht angeklickt wird, teilweise wichtiger geworden als die Frage, welchen Informationswert sie besitzt. Manche Angebote haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Empörung und Zuspitzung erzeugen Reichweite, und Reichweite lässt sich vermarkten. Gründliche Recherche ist da eher lästig. Sie kostet Zeit und birgt das Risiko, dass sich eine schöne Aufregergeschichte am Ende als ziemlich unspektakulär herausstellt.

Es wäre allerdings zu einfach, die Verantwortung allein bei den Medien zu suchen. Auch wir Leser tragen unseren Teil dazu bei, und dazu zähle ich ausdrücklich auch Journalisten. Wir fordern verlässliche Nachrichten und sorgfältige Recherche. Unsere Aufmerksamkeit schenken wir dann aber häufig den unterhaltsamen und zugespitzten Beiträgen.

Wer täglich Lokalnachrichten veröffentlicht, erlebt diesen Widerspruch unmittelbar. Vor Ausschusssitzungen sichte ich regelmäßig die Sitzungsunterlagen und fasse zusammen, worüber beraten und entschieden werden soll, dasselbe bisher noch einmal häufig danach. Was in diesen Ausschüssen beschlossen wird, beeinflusst unser tägliches Leben in Lemgo ganz erheblich. Das Interesse an diesen Berichten ist, ehrlich gesagt, ziemlich überschaubar. Eine beiläufige Randnotiz erreicht dagegen nicht selten ein Vielfaches an Lesern. Dabei wird gleichzeitig mehr Berichterstattung über Kommunalpolitik und Verwaltung gefordert.

Das ist kein Vorwurf an unsere Leser. Ich lese schließlich auch nicht jeden Tag ausschließlich kommunalpolitische Abhandlungen. Aber dieser Widerspruch ist nun einmal da, und er hat Folgen für die Medienlandschaft. Wir können nicht über oberflächliche Berichterstattung klagen und gleichzeitig fast nur denen folgen, die uns möglichst laut durch den Tag begleiten.

Wir vertreten bei Mein-Lemgo eine, zugegeben, etwas altmodische Auffassung von Journalismus: Unsere Aufgabe ist es zunächst einmal, zu informieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, unseren Lesern vorzuschreiben, was sie von einer Nachricht zu halten haben.

Dazu gehört, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen, gerade dann, wenn sie nicht unserer eigenen Meinung entsprechen. Ausgewogene Berichterstattung bedeutet nicht, dass wir jede Auffassung teilen müssen. Sie bedeutet, dass wir eine Auffassung nicht allein deshalb ausblenden, weil sie uns nicht gefällt. Deshalb veröffentlichen wir Pressemitteilungen grundsätzlich unverändert und kennzeichnen sie als solche. Wer etwas mitteilen möchte, soll seine Position in seinen eigenen Worten darstellen können. Damit machen wir uns diese Position nicht zu eigen.

Ebenso verzichten wir bewusst darauf, jeden Beitrag mit einer journalistischen Bewertung zu versehen. Das tun wir nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Respekt vor unseren Lesern. Wir trauen ihnen zu, sich selbst eine Meinung zu bilden. Natürlich hat auch dieses Prinzip Grenzen. Wo Zusammenhänge fehlen oder Aussagen nachweislich falsch sind, gehört es zur journalistischen Verantwortung, Hintergründe zu liefern und gegebenenfalls zu widersprechen. Sachlichkeit bedeutet nicht, alles unwidersprochen stehen zu lassen.

Vollkommene Neutralität wird es vermutlich nie geben. Schon die Entscheidung, über welches Thema wir berichten und welches wir weglassen, ist eine Auswahl. Auch Journalisten haben persönliche Überzeugungen, und die kann man nicht morgens an der Garderobe abgeben. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen und zwischen persönlicher Überzeugung und journalistischer Arbeit zu unterscheiden.

Wir behaupten nicht, bei Mein-Lemgo immer alles richtig zu machen. Natürlich freuen auch wir uns über hohe Zugriffszahlen, denn ein journalistisches Angebot muss seine Leser erreichen und wirtschaftlich bestehen können. Alles andere zu behaupten, wäre reichlich unglaubwürdig. Entscheidend ist nur, ob die Reichweite das Ergebnis guter Arbeit ist oder zum eigentlichen Zweck der Berichterstattung wird.

Trotzdem sehe ich keinen Grund, den Journalismus abzuschreiben. Noch nie war es so einfach, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und noch nie konnten Leser so unmittelbar mitentscheiden, welchen Angeboten sie ihre Aufmerksamkeit und ihr Vertrauen schenken. Mit jedem Klick und jedem geteilten Beitrag entscheiden wir darüber, welche Art von Journalismus wir künftig bekommen.

Wir haben also eine Wahl. Und das ist, bei aller berechtigten Kritik, eine ziemlich gute Nachricht.

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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