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LGPZ-Themenfahrt 2026 nach Chemnitz

Chemnitz, oft unterschätzt und nicht genügend wahrgenommen – Chemnitz hat aus diesem, oft so empfundenen Selbstverständnis mit dem europäischen Kulturhauptstadtjahr neues Selbstvertrauen entwickelt. „Chemnitz ist eine bemerkenswerte Stadt und bietet auf jeden Fall viel mehr, als wir erwartet hatten“, stellte Reiseleiter Rolf Eickmeier auf der Rückfahrt fest. Die Reise der Lippischen Gesellschaft für Politik und Zeitgeschichte (LGPZ) ergab sich aus der Frage, ob die vielen Projekte des Kulturhauptstadtjahres 2025 nachhaltige Entwicklungen anstoßen konnten. Dazu traf sich die Reisegruppe mit engagierten Beteiligten aus Politik, Verwaltung und aus der Zivilgesellschaft. Auch das Gunzenhauser-Kunstmuseum, eine Ballett-Vorstellung in der Oper und das Industriemuseum gehörten zum Besuchs- und Erlebnisprogramm.

Den größten Eindruck hinterließ dabei der später von der Gruppe so genannte „Macher-Tag“, vor allem auch, „weil er uns viel Mut machen konnte, mit anderen zusammen ins Machen zu kommen“, erklärte eine Reiseteilnehmerin. Die positiven Erfahrungen mit dem Vertrauen in die Fähigkeiten der Menschen vor Ort wurden immer wieder eindrucksvoll geschildert. „C the unseen“ hieß das Motto des Kulturhauptstadtjahres. Das oft nicht Beachtete in einer Stadt wurde in den Mittelpunkt des Kulturhauptstadtjahres gestellt. Viele der etwa 3,5 Millionen Besucherinnen und Besucher im Jahre 2025 waren erstaunt und beeindruckt und konnten neben den absoluten Großereignissen viel bisher eher Unbeachtetes entdecken. Im Kulturhauptstadtprogram standen Hochkultur und Alltagskultur gleichbedeutend nebeneinander und dabei ergaben sich vielfältige internationale Kontakte, die auch in den nun folgenden Jahren weitergeführt werden.

Die „Macher“ von Chemnitz

Nach Stadtrundfahrt und Gang durch die Innenstadt gab es im geschichtsträchtigen Kaufhaus „Tietz“, das zu einer kulturellen Begegnungsstätte der Stadt geworden ist, ein Treffen mit dem Leiter des Kulturbetriebes der Stadt Chemnitz, Ferenc Csak. Schon das „Bewerbungsbuch“ zum Kulturhauptstadtjahr für die EU-Jury gründete sich auf eine breite Beteiligung von Interessierten und Engagierten der Stadtgesellschaft. „Wir saßen an einem großen Tisch, jeder mit einem leeren Blatt vor sich“, erinnert sich Ferenc Csak als Projektleiter. Die Frage war: Was haben wir? Was können wir? Es begann bewusst nicht mit der Frage: Wie kriegen wir große berühmte Kunst in unsere Stadt? Diese Art der Bürgerbeteiligung wurde im Rahmen des Kulturbetriebes weiter ausgebaut.

So hat das „3000 Garagen-Projekt“ vielleicht sogar den Ausschlag gegeben für die Auswahl von Chemnitz gegen die Konkurrenz namhafter anderer deutscher Großstädte. Es soll in den Chemnitzer Wohnvierteln bis zu 30 000 Garagen geben, schon zu DDR-Zeiten privater Rückzugsort mit gemeinschaftlichem Hobby-Leben. Als 3000 Garagenbesitzer ihre Tore öffneten, wurden viele ungewöhnliche „Schätze“ entdeckt. Es war der Beginn vieler kultureller Aktionen und Veranstaltungen in den Garagen-Nachbarschaften – mit Ausstellungen, Musik, Tanz und vielem mehr. (KI-Infos über die Garagen-Kultur) Das charakterisiert Chemnitz als radikal andere Kulturhauptstadt, wie der Programmleiter Stefan Schmidtke immer wieder betonte.

Auch Thomas Landgraf, der persönliche „Guide“ der LGPZ, füllte diese Grundidee mit Leben. Seit langen Jahren ist er aktiv als Kinder- und Jugendtrainer im Chemnitzer Eislauf-Club, der viele Weltstars im Eiskunstlauf hervorgebracht hat. Katarina Witt ist sicher die bekannteste. Auch heute noch – oder heute erst recht – wird auf die Jugendförderung großer Wert gelegt. Mindestens ebenso ehrenamtlich engagiert ist Thomas Landgraf für den Chemnitzer Ehrenbürger Stefan Heym, einen der bedeutendsten literarischen sowie gesellschaftskritischen Köpfe der DDR. Seine Bibliothek und eine Ausstellung über ihn sind im Kulturzentrum „Tietz“ zu sehen. Die LGPZ-Gruppe nutzte die Gelegenheit, all dies genauer anzusehen.

Am Abend dieses Tages schloss sich ein beeindruckendes Gespräch mit dem Stadtratsmitglied Michael Thiess an. Michael Thiess, Schulleiter einer Schule für sehbehinderte junge Menschen, beschrieb sein aus christlichen Überzeugungen entstandenes Engagement in der Kommunalpolitik. Er schilderte geradezu mitreißend, weshalb er sich für „seine Stadt“ Chemnitz einsetzt. Es gäbe immer die Möglichkeit, vieles zu entwickeln und zu verbessern. Man müsse „Machen“ wollen und sich nicht in parteipolitischen Abgrenzungen verlieren.

Natürlich sei das Kulturhauptstadtjahr eine ungeheure Motivation und Herausforderung gewesen. Gerade weil die Anstrengungen über Jahre hinweg so groß gewesen seien und auch hohe finanzielle Mittel eingesetzt worden seien, müsse nun alles getan werden, um diese Entwicklung dauerhaft fortzusetzen. Dieser sogenannte „Legacy“-Prozess erfordere weiterhin entsprechende finanzielle Rahmenbedingungen. Trotz schwieriger Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat – mit einer starken AfD-Fraktion – gelinge dies immer noch mit deutlichen Mehrheiten. Michael Thiess wurde spontan zu der Fortsetzung der anregenden und konstruktiven Diskussion nach Lemgo eingeladen.

Risikodemokratie: Chemnitz zwischen rechtsradikalem Brennpunkt und europäischer Kulturhauptstadt

In der neu entstandenen „Hartmannfabrik“ verdeutlichte Sybille Sonntag, verantwortlich für Sponsoring/ Vertriebsmarketing der Kulturhauptstadt gGmbH, anhand beeindruckender Zahlen, dass sich die Erwartungen an die Resonanz des Kulturhauptstadtprogramms mehr als erfüllt haben. Allein 80.000 Teilnehmer an der Eröffnungsfeier und insgesamt mehr als 3 Millionen Besucher haben Chemnitz neu erlebt.

Bei all den positiven Entwicklungen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Chemnitz 2018 eine Problemstadt war mit gewalttätigen rechtsradikalen Ausschreitungen und Auseinandersetzungen, die von offen rechtsradikal auftretenden Gruppierungen forciert wurden. Auch der in ganz Deutschland mordende NSU lebte einige Jahre mit entsprechender Unterstützung in Chemnitz. In der Innenstadt gibt es dazu das Dokumentationszentrum „Offener Prozess“.

„Welche Gefahren drohen von Rechts? Wie wird eine ganze Stadt zum politischen Risikogebiet? Und was bedeutet die Präsenz riskanter Politisierung und Entpolitisierung für unsere Demokratie? „Diese Fragen interessierten die LGPZ-Reisegruppe in besonderer Weise. In der wieder neu entstandenen „Hartmannfabrik“ – auch ein Kulturhauptstadtprojekt – kam es deshalb zu einem Treffen mit dem Soziologie-Professor Dr. Ulf Bohmann, der in seinem Buch „Risikodemokratie“ diesen Fragen in Chemnitz wissenschaftlich auf den Grund gegangen ist. Er konnte wichtige auch andernorts beobachtbare Entwicklungen beschreiben, die das Erstarken rechtsradikaler Bewegungen begünstigen. Auf die Frage „Was kann jeder einzelne von uns dagegen tun?“ stellte Dr. Bohmann sechs Strategien zur Stärkung der Demokratie vor. Diese Demokratie-Empfehlungen werden in der nächsten Zeit in der „Lippischen Gesellschaft für Politik und Zeitgeschichte“ aufgegriffen und weiter diskutiert.

Chemnitz, das „Manchester des Ostens“

Ein wichtiger Programmpunkt in Chemnitz, zu DDR-Zeiten hieß die Stadt „Karl-Marx-Stadt“, war das Industriemuseum mit der wechselvollen Geschichte von Maschinenbau, Fahrzeugentwicklung und Lokomotivproduktion und den damit verbundenen oft prekären sozialen Bedingungen der arbeitenden Menschen, aber auch zeitweise mit dem höchsten Pro-Kopf-Steueraufkommen in Deutschland. Nicht zufällig ist Manchster heute eine der europäischen Partnerstädte von Chemnitz.

Kunst, Kultur und Geschichte gehören zum Programm

Eindrucksvoll war der Besuch im Kunstmuseum Gunzenhauser mit einer der größten privaten Kunstsammlungen der „klassischen Moderne“, die ihren Platz im ehemaligen Sparkassengebäude von Chemnitz dauerhaft gefunden hat. Die Werke von Otto Dix waren besonders beeindruckend. Ein Erlebnis der besonderen Art war schließlich die Ballettaufführung „Rhapsodie in C“ nach der Musik von George Gershwin im Chemnitzer Opernhaus.

Beim traditionellen LGPZ-Abschlussessen konnte die regionale Speisekultur im Restaurant „Kellerhaus“ am touristisch attraktiven „Schlossberg“ genossen werden.

Deutsche Geschichte auf der Wartburg und an „Point Alpha“

Das Besuchsprogramm in Chemnitz wurde eingerahmt auf der Hinfahrt vom Besuch der Wartburg bei Eisenach, dort mit einer sehr unterhaltsamen historischen Führung, und auf der Rückfahrt mit der Besichtigung des „heißesten Punktes im kalten Krieg: „Point Alpha“ an der thüringisch-hessischen Grenze. Dort standen sich amerikanische NATO-Soldaten und die Warschauer-Pakt-Grenztruppen Auge in Auge gegenüber. Dass diese brisante Konfrontation überwunden werden konnte durch zähe Abrüstungsbemühungen in Kombination mit der sogenannten „Friedenspolitik“ und schließlich mit der Auflösung des Warschauer Paktes sowie des Zusammenbruchs des DDR-Regimes, gab Anlass zu manchen Erinnerungen und zu vielen aktuellen Fragen.

Die Gespräche gehen weiter

„Das war eine Fahrt voller intensiver Eindrücke, Anregungen und Diskussionen, auch mit vielen neuen Fragen, mit denen wir uns im Rahmen der LGPZ-Veranstaltungen in der nächste Zeit weiter beschäftigen werden“, kündigte Rolf Eickmeier an.

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Die Lippische Gesellschaft für Politik und Zeitgeschichte ist eine lippische Nichtregierungsorganisation. Engagierte Demokratinnen und Demokraten informieren sich selber und andere über wichtige gesellschaftliche Themen und Entwicklungen. Die LGPZ führt dazu Veranstaltungen, Themenreisen und weitere Veranstaltungen im Rahmen der politischen Bildung durch. Weiteres unter www.lippische-gesellschaft.de.

PM LGPZ / Btrand

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Michael Pitt

Michael Pitt betreibt das Portal Mein-Lemgo seit 2021. Er ist in Lemgo geboren, wohnt direkt am Marktplatz und ist Lemgoer mit Herz und Seele.
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